 Denn obschon er für alle Zeiten jeglicher
Schmier-Betätigung entsagt und sich ganz der edelen Musika gewidmet habe, besäße
für ihn die Feder noch immer genug Anziehungskraft, um zwei edelen Toten den
Zoll der Dankbarkeit zu bringen. Dies seien der Maler Roter und der Dichter
Leonhart, beide auf rätselhafte Weise verunglückt, wahrscheinlich durch
Selbstmord. »Ja, sie wanderten nicht von einer Kaltwasserheilanstalt in die
andere, wie so mancher andere Schmerzenreich,« - (gestand der junge Musiker mit
achtungswerter Selbstironie) - »ewig entsagend und immer wieder da, von den
Toten auferstanden. Sie machten Ernst mit ihrer Verneinung des Lebens, mit dem
letzten Facit unter der Summe ihrer Schmerzen.« Und jetzt folgten eine Menge
entusiastischer Lobeserhebungen über die »hehren Verblichenen,« welche »die
einzigen absolut selbstlosen, neid- und parteilosen Menschen« gewesen seien, die
ihm je begegnet. Er idealisirte sie jetzt ebenso ins Masslose, wie er sie früher
bemäkelt und ausgebeutet hatte. Allein, mochte man darüber denken wie man
wollte, etwas Rührendes lag trotz eines Anflugs der alten Schauspielerei in
dieser offenherzigen Reue, mit welcher sich der sonst so geckenhafte und seines
eigenen Edelsinns bewusste Jüngling selber des knabenhaften Undanks bezüchtigte.
Er habe zur Entschuldigung anzuführen, dass er durch die Gesellschaft
heuchlerischer Banditen à la Edelmann und Haubitz mit dem Gift eines allgemeinen
Misstrauens inficirt sei, weil er alle andern Menschen nur als elende Selbstlinge
kennen lernte. Dies nur habe ihn nicht voll würdigen lassen, was Roter stets
für ihn getan. Seiter sei er älter und männlicher geworden, und wisse jetzt,
was in dieser kalten gemeinen Welt ein warmes Freundesherz bedeute. Jetzt sei er
sich seiner Nichtigkeit und Zwergheit bewusst - seiner moralischen Inferiorität
einem Roter, seiner geistigen einem Leonhart gegenüber. Von dem lächerlichen
Größenwahn, der ihn dämonisch verzehrt habe, sei er curirt. Den »Schwur des
Hannibal« in der Hand, am Grabe dieser großen Seelen, welche der Weltroheit
nicht zu widerstehen vermochten, habe er sich zugeschworen, jedem eitelen Ehrgeiz
zu entsagen. Wo solche Menschen untergehen mussten, da lohne es sich grade, den
Beifall der gemeinen Herde zu erschwindeln und um den feilen Odem des Pöbels zu
buhlen. -
    So hatte der Tod mit seinem ernsten Seherblick eine schon erblindete Seele
erhellt. Der edle Grundstoff und der ideale Instinkt einer schon verschlammten
krankhaften Wesensart wurde emporgerüttelt, so wie ein jäher Schreck das
Wechselfieber vertreibt. -
    Max Henkelkrug veröffentlichte in Separat-Abzug bei Schabelitz (Zürich) eine
hochtrabende Rhapsodie in Bänkelsängerformat:
                            Ein sociales Nachtstück.
Der Dichter der ist tot.
Verscharrt ist sein Gebein,
An seinem Grab ein Rabe droht,
Kreischt »Mord« ins Land hinein.
Der Afterdichter rührte stolz
Die Saiten vorm horchenden Volke.
Da plötzlich sprang
