 des allgemeinen Schriftstellerverbandes und
des literarischen Schutzbureaus erschien, worin jeder dieser Koncurrenten den
andern für die deutsche Misère in verblümter Weise verantwortlich machte und
dann zu dem Fall Leonhart überleitete. Sämmtliche sechzehntausend Schriftsteller
und Schriftstellerinnen des Kürschnerschen Lexicons sollten einen Obolus
entrichten für einen interessanten Grabstein, welchen man dem »verewigten
Kollegen« errichten wollte. An den Grafen Oscar von Scheckwitz, Excellenz, und
andere millionenreiche Didaktiker richtete man eine Adresse: »Ew. Excellenz!
Hochgeborener Herr Graf, hochmögender Herr Kammerherr! Mit jener Ehrerbietung,
welche Alldeutschland Ihrem glorwürdigen Schaffen zollt« u.s.w. Er möge, um die
entsetzliche deutsche Dichterverachtung im Volk der Dichter und Denker zu
brandmarken, das Portrait Leonharts nach einer Zeichnung von Stauffer-Vern
anfertigen lassen und seiner berühmten Gallerie einverleiben. Graf Scheckwitz,
Excellenz, edelherzig wie immer, zog sich jedoch noch glänzender aus der
Affäre. Er versprach nämlich statt dessen die Tantièmen seines neuen
griechischen Dramas mit Chören »Gott Hymenäos«, falls dasselbe sofort von seinem
Standesgenossen Graf Hochberg aufgeführt werde, als Preis auszusetzen für die
beste Denkschrift über »Friedrich Leonhart, den deutschen Chatterton.« Es gibt
noch gute Menschen.
    Regnete es doch nur so »Erinnerungen an den verewigten Dichter«!
    Frank Säuerbach in München veröffentlichte einen Essay in der »Allgemeinen
Zeitung«, worin er mit braminenhafter Spitzfindigkeit den Leichnam Leonharts
secirte und an demselben patologische Studien verübte. Der Keim zum Selbstmord
habe von jeher in Leonhart gelegen, ebenso wie etwa Satyriasis in dem
sogenannten Panteismus jüngstdeutscher Lyriker. Er brachte als Beweismittel
zwei Gedichte bei, die der Unglückliche vor Jahren veröffentlicht habe:
    Du, des Tages blind Geschöpf, jammerst, dass Dein Herz verblutet,
    Dass Dein ganzes Sein sich fühlt vom Verwesen angemutet?
    Ja, die Hoffnung bald entwich,
    Nur den Tod zu suchen frommt, nur der Tod macht Dich unsterblich.
    Nur des Denkers Ideal bleibt von Zeit zu Zeit vererblich,
    Dein Gedanke unveräusserlich.
    Als Volker vorgefiedelt, sprang auf des Tisches Brett
    Herr Hagen, jäh zertrümmernd die Krüge beim Bankett.
    »Nun trinken wir die Minne und zahlen des Königs Wein:
    Der junge Vogt der Hennen - der soll der Allererste, sein!«
    Wer will zum Tanz mir fiedeln? Ich möchte schon sogleich
    Zertrümmern meines Herzens Gefäß mit festem Streich.
    »Nun trinken wir die Minne und zahlen des Schöpfers Wein:
    Das Blut des Dichterherzens - das muss das allerbeste sein.«
    Diese traurige Lebensverschmähung, dieser bachantische Trieb zur
Selbstvernichtung wie zu einem Festgelag, sei nun durch die berechtigte
Verzweiflung des Dichters über die stumpfe Aera, in welche ihn das Schicksal
verbannte, gesteigert worden. Sogar der Komponist Francis Henry Anneslei meldete
sich einem literarischen Magazin mit einem Artikel »Meine Beziehungen zu
Friedrich Leonhart«.
