 Säuseler, die Formalisten hätten mit Erfolg
diese freche Verletzung alles gentlemanliken Dekorums gegeisselt. Muss doch die
Welt jede Wahrheit in der Kunst hassen, besonders die Frau, welche ja die Welt
bedeutet! Und da waltet wohl nur ein mechanisches Gesetz ob, ohne welches die
conventionelle Gesellschaftsordnung nicht denkbar wäre. Allein, aus ganz
demselben Gesetz folgerte nun das Gegenteil, da es sich um einen Toten
handelte, der unter so betrübenden Umständen die Konsequenzen der Wahrheit
gezogen und sich vom Leben verabschiedet hatte.
    Die Kulturmenschheit ahnt nämlich bewusst und unbewusst, dass der geliebte
Materialismus d.h. der flotte tierische Kampf ums Dasein ohne die Fiction des
»Idealismus« gar nicht möglich wäre. Denn der auf die Naturwissenschaft
gestützte Materialismus führt unnachsichtlich zu Konsequenzen des Socialismus.
Um daher dem Bild von Saïs einen Schleier vorzuhängen, pflegt man ab und zu den
sogenannten Idealismus, das Interesse an idealen Kulturerzeugnissen. Man gähnt
pflichtschuldig das Postament der Geistesheroen alt und versteckt seine
stumpfsinnige Gleichgültigkeit unter dem Tamtam neuer Götzendiener, die vom
Abfall früherer Geistestaten leben und ein großes Geräusch machen, gleich den
Ammen Jupiters, um die Stimme ihres Gottes zu übertönen. Man lässt zwar das
lebendige Ideale als Aschenbrödel verhungern, aber man muss ab und zu über
abstrakten Idealismus faseln, um das Gleichgewicht herzustellen.
    So wollte denn das Gejammere über das »unglückliche Genie«, »den edelen
Dichter« kein Ende, nehmen. Die »Berliner Tagesstimme« nannte ihn, nachdem sie
sich von Schritt zu Schritt mehr für ihren todtgeschwiegenen Liebling erwärmt,
bereits nur noch schlechtweg den »erhabenen Jüngling«. Sie wusste mit dröhnendem
Patos unser Zeitalter der Reaction dafür verantwortlich zu machen, dass eine so
hochherzige Natur aus purem Lebensekel sich aus dem Leben »fort jraulte«. Jaja,
das Herz dieses erhabenen Jünglings brach, denn es schlug der Freiheit sowie der
Menschheit. (Die Aktien-Dividende der »Berliner Tagesstimme« war dies Jahr
besondere fett geraten.)
    Hingegen wusste das »Deutschnationale Blatt« ganz genau, dass der Antisemit
Leonhart nur durch das infame Judentum, dessen Presse sich besonders an ihm
versündigte, zur Verzweiflung getrieben wurde.
    Das »Bunte Allerlei« wimmerte wie ein kleines Krokodil und brachte u.A. die
boshafte Notiz:
    »Wie wir hören, soll der grässliche Sittenschilderer K. Schm. untröstlich
sein. Der Selbstmord seines Freundes L - t wirst all seine Dispositionen um.
Denn er hatte denselben bereits als Helden seines neuen Romans festgenagelt und
als Typus des Grössenwahns unsterblich lächerlich gemacht. Leider ist ihm nun der
böse Mensch zuvorgekommen. Solche Toten persiflirt man ungern.«
    Jedenfalls zeigte sich die Deutsche Presse eifrig bemüht, den Fall Leonhart
als typisch für die deutsche Verkennung und das deutsche Schriftstellerelend
möglichst breitzutreten. Ein Aufruf
