 andauernder Regelmäßigkeit. Ganz vereinbar damit war
es, dass er innerlich jeden Morgen murrte, weil er leidenschaftlos, einfach aus
Gewohnheit und Eitelkeit, seine Säfte verschwendet hatte. So trägt jede
erotische Leidenschaft ohne wahre Liebe ihre Geissel in sich selbst. Eine gewisse
beiderseitige Kälte sänftigte wohltuend die Gefühle - ihre Liebesaversion und
seine erotischen Flammen. Sein Gehirn fing an, seine Sinnlichkeit zu absorbiren,
und eine gewisse Nervenschwäche, die sich latent bemerkbar machte, trat hinzu.
Eigentlich fühlte er sich wohl dabei, dem Druck des geschlechtlichen
Alleingefühls entronnen zu sein. So löst sich die Empfindung in ewigem Kreislauf
ab. Grämliche Verdriesslichkeit folgt meist der sinnlichen Anreizung, beseitigt
aber dafür auch das Fieber des Verlangens und kühlt zu gelassener Arbeitsruhe
ab. So kann unter Umständen auch das Laster mehr kalte Seelenruhe verleihen als
die Tugend, die von Sehnsucht kaum trennbar. Andrerseits erhöht wieder die
Keuschheit, sobald sie sich in ritterlicher und hochherziger Leidenschaft für
ein bestimmtes Wesen ausdrückt, die Kräfte des Einzelindividuums über sich
selbst hinaus. Ein platonisch Liebender, der als Endziel seiner Mühen ein Weib
ersehnt, ist von unwiderstehlicher Stärke und wagt den Kampf mit dem Schicksal,
indem er die persönliche sinnliche Selbstsucht gleichsam aus verfeinerter
Selbstsucht niederzwingt. Hingegen werden Keuschheit und Gesundheit an Leib und
Seele um so tiefere Schmerzen bereiten, wenn ihnen die Schwäche und
Sinnenknechtschaft der meisten Andern nahegerückt wird.
    Wie kann ein sinnlich Denkender je die volle Pein einer unglücklichen Liebe
empfinden!
    Jedenfalls scheint Alles, Glück wie Unglück, Tugend wie Untugend, vollkommen
gleichwertig für die Entwickelung des Individuums.
    Schlaffe und müde Genussentfähigung ist ein verdrießlicher Zustand, aber
nicht minder die Sehnsucht nach irgend einem Genuße, der leichter oder schwerer
errungen werden kann und dessen Erwartung nun die beschauliche Geistesstimmung
des Normalzustandes stört.
    ... Krastinik warf einen prüfenden Kennerblick auf die Gesellschaft und bat
den liebenswürdigen Ordensjäger, der nach allen Seiten, bücklingte, um
aufklärende Bezeichnungen.
    »Wer ist dieser Herr dort, der so krampfhaft gestikulirt?«
    Er wies auf einen Bonvivant mit gerötetem Faungesicht bei stark ergrautem
Backenbart, welcher in heulenden Fisteltönen einer ewigen Extase Luft zu machen
schien.
    »Wie? Den kennen Sie nicht? Dass ist ja der berühmte Kritiker Ludolf Lutsch.«
    »Ach Herrje! Das jenügt!« schnarrte Krastinik ironisch. »Freut mich den Mann
zu sehen, der selig machen und verdammen kann!«
    Natürlich schien die Finanzwelt stark vertreten. Auch jener hervorragende
Makler war erschienen, welcher einst Kati in einem so überschwänglichen Brief
die Ehre der Maitressenschaft angeboten hatte. Mit einem gewissen Hochgefühl
strich er seinen wallenden schwarzen Bart, indem er Kati aus der Ferne gierig
mit seinen Blicken verschlang. Sonst war sein Verhältnis zur Kunst kein intimes
zu nennen gewesen und beschränkte sich auf Unterstützung des
