 würdigte er vollkommen die Haltung der beiden verwandten Seelen,
welche er sofort als »vornehme Naturen«, wie die technische Phrase lautet,
erkannt hatte. Auch Wurmb schloss sich mehrmals begeistert an, wenn sie alle
zusammen beim Schoppen die sittliche Größe des wahren charakterfesten Idealismus
betonten, im Gegensatz zu der unwahren Weltschmerzfexerei und proteusartigen
Unfestigkeit eines Leonhart, auf dessen kindlichen Größenwahn doch nun mal all
ihre literarischen Biergespräche unfehlbar wie die Nadel zum Magnet hinzielten.
    Schnapphahnitzkoy erwähnte mit tadelndem Bedauern, dass man doch einen
Kavalier wie Krastinik von seiner schier unbegreiflichen Vorliebe für jenes bête
noire loseisen müsse. Die Waffenbrüder lächelten verschmitzt. Sie kannten die
oft erprobte menschliche Natur. Spielte man nur den Freund gegen den Freund aus,
so würde die geschmeichelte Eitelkeit des Einen und die verletzte Eitelkeit des
Andern den Bruch schon von selber herbeiführen. Haubitz empfand eine diabolische
Wollust des Vorgefühls. Wie wollte er Krastinik anpreisen und ihn den
Stümpereien eines Leonhart gegenüberstellen!
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    Die Klingel ertönte zum zweiten Mal. Das Bienenkorbgesummne eines
Premierenpublikums vor Beginn der Vorstellung verstummte. Die wogenden Linien
sanken in sich zusammen. Statt des Rauschens und Knisterns der Damentoiletten
hörte man nur noch den üblichen Lärm der sich hebenden oder niederschlagenden
Klappstühle, wenn die zu spät Kommenden sich in die Reihen durchdrängen. Der
Vorhang ging auf.
    Schon nach den ersten Worten verbreitete sich eine angenehme Verwunderung.
Das war nicht die geschwollene blühende Jambensprache, an welche man bei
historischen Dramen gewöhnt, das war nervige realistische Prosa. Das waren keine
theatralischen Pappfiguren, das war wirkliches angeschautes Leben. Der Dichter
vermittelte den Geist des alten Venedig so unmittelbar, dass man sich wie zu
Hause fühlte. Die Handlung drehte sich um die Vermählung Katarina Kornaro's mit
dem Kronprätendenten von Cypern und die Erwerbung dieses Inselreichs durch die
meisterliche Diplomatie Venedigs, welche schonungslos jedes Einzelglück ihren
Zwecken opferte.
    Hier sah man die Emsigkeit, mit welcher sich die Meereskönigin zum Trotz des
umbrandenden Meeres auf ihren eingerammten Pfählen lagerte und unablässig mit
der andrängenden Flut um ihr glanzvolles Leben rang, indem sie staunenswürdige
Ingenieur-und Baumeisterwerke entgegendämmte. Die unermüdliche Entwickelung der
Seekunde, der kühne Erwerbs-und Forschertrieb, der diese Kaufleute in fernste
Zonen führte, so dass selbst die verlorenen Söhne Venedigs den Orient überall als
Minister, Admirale und Handelsherrn beherrschten - alles das trat hier in die
Erscheinung. Vor allem aber entfaltete sich das politische System dieses
Insel-Roms, dessen Staatsgebilde die Kraft des menschlichen Willens im
geduldigen Verfolgen eines großen Ziels offenbarte. Der Dichter lehrte durch
anschauliche Darlegung, warum Machiavell im »Buch vom Fürsten« die geheime
Schreckensherrschaft Venedigs als Muster hinstellte -
