 Tages.
    Die schwache Hand der Sterblichen wird nicht rühren an Deinen wahren Wert.
Ihr Preis und ihr Tadel kümmern Dich nicht mehr. Dein Geist enttauchte einem
Orkan, dem Blitze gleich - Deine Wiege und Deine Gruft wird ewiger Nebel decken.
    Aufrecht standest Du in Deiner Rüstung in königlicher Einsamkeit, kein schwa
ches menschliches Gefühl schlug unter Deinem Panzer. Du stiegest auf zur Größe
ohne eitle Freude, Du fielest ohne Murren. Auf der Sinne hohle Reize blicktest
Du kalt herab, ohne Lächeln und ohne Seufzer, und Dein Adlerflug maß die Welt
mit einem einzigen Königsblick.
    Stirb denn inmitten Deines Ruhmes und löse Dein düstres Sein in die Atome -
rein und rau, wie Du geboren wurdest, ohne Laster und ohne Tugend. Deine Tugend
war Dein Genie.
 
                                 Zwölftes Buch.
                                       I.
Das »Deutsche Theater« war buchstäblich ausverkauft. Nicht nur das gesammte
litterarische und das übliche Premièrenpublikum Neu-Jerusalems, sondern auch die
Crême der »guten Gesellschaft« schien vollzählig erschienen. - - Rechts neben
der Direktorloge, wo L'Arronge's freundlicher Vollmond erglänzte, operirte Frau
Doktor Bergmann, Chefredaktrice der »Berliner Tagesstimme«, in Mitten ihres
Großen Generalstabs, an der Seite ihres Leibadjutanten, des lockigen
Apolloschwengels Emil Buttermann. Ah, die Tür der vollgepfropften Loge öffnete
sich und unter den Salutirungen des Großen Generalstabs erschien Doktor Bergmann
in eigener Person. Er hatte also einmal Europa sich selbst überlassen, um
leutselig, wie große Männer pflegen, den leichten Spielen der Musen eine Stunde
seiner unschätzbaren Zeit zu opfern. Hält doch Bergmann bekanntlich mit Bismarck
das Europäische Gleichgewicht aufrecht. Der Reichskanzler zieht rechts, Er
links. Bei dieser Atlasbürde scheint es denn kein Wunder, dass er seinen
gewichtigen Korpus, den schweren homerischen Rindern gleich, wankend
einherwälzt, so dass man immer fürchtet, er werde einem mit seinen Plattfüssen
moralisch oder physisch auf den Fuß treten.
    Auch heute suchte er wieder Raum, dieser schnaubende Elephant. Wie dem
seligen Napoleon schien Ihm Europa zu enge. Er mauschelte nach allen
Himmelsgegenden mit Armen und Beinen, um der Freiheit eine Gasse zu brechen.
Sein aufgedunsenes Antlitz, einem plattgetretenen Kuhfladen nicht unähnlich,
strahlte vom Bewusstsein seiner Allmacht. O er ist ein grausser, ein sehr grausser
Mann!
    Sein besonderes Steckenpferd, die Antisemiten-Suche, ritt er wieder mal
chevaleresk wie Don Quixote seine Rozinante. Daher der forschende Blick, mit dem
er seinen Generalstab musterte. Wie der Riese Polyphem in seiner Höhle tastete
er überall an den Wänden seiner Redaktion herum, um den berühmten »Niemand«,
einen Antisemiten, unter seiner eignen Hammelherde zu entdecken. Und wehe, wenn
ihm solch ein räudiges Schaf zwischen die Finger kam! Dann verspeiste er es mit
Haut und Haaren.
    Doch
