 den Löwen von hinten in die Ferse zu
stechen. »Wir möchten so gern und an Lebensklugheit - Falschheit, wie es die
Dummköpfe nennen - sind wir ihm ja allesammt überlegen. Aber ach, wenn er sich
mal umdreht und mit der Tatze haut, da wächst kein Gras!« So ist es die Feigheit
der gemeinen Naturen, die allein den hochherzigen Starken vor ihrer Bosheit
schützt.
    Es ist ein großes etisches Gesetz, dass der schmutzige Kampf ums Dasein uns
empört, sobald wir ihn losgelöst von uns selber betrachten, und dass die Perfidie
der Andern die Stimme unseres eigenen Gewissens, die wahre Selbsterkenntnis,
fördert.
    Wo man auch auf Erden seinen Pilgerstab hinsetzen mag, überall trifft man
das menschliche Antlitz und seine Lügen. Lange hatte Leonhart als Korrespondent
eines großen Rheinischen Blattes in Paris und London gelebt. Mit düsterer
Befriedigung dachte er unwillkürlich, wie wenig und oberflächlich man ihn doch
kenne, wie viele Leute außerhalb Deutschands mehr von ihm wussten, als irgend
einer der »guten Freunde«, die ihn umklatschten. Mit welcher ironischen
Schadenfreude erfüllte ihn das prahlende Getue mancher »Kollegen«, als ob sie
mit ihm hundert Scheffel Salz gegessen hätten, während wiederum in ihm näheren
Kreisen der Gesellschaft die völligste Unkenntnis seiner literarischen
Verhältnisse herrschte! Vier ganz verschiedene »höhere Töchter« hielten sich
allen Ernstes für die unglückliche Liebe seines Lebens und bewahrten daher noch
nach ihrer Verheiratung ihm jenes teilnahmvolle Mitleid, das aus
geschmeichelter Eitelkeit entstammt.
    So blieb er eben in Allem ein Rätsel und zersplittert in unendlicher
Vielseitigkeit, die zu seinem Verderben ausschlug - allerdings in anderem Sinne,
als einige Klugschwätzer, die es mit den Feinden Leonharts ebensowenig wie mit
ihm verderben wollten, in ihrer unendlichen Schläue und Barmherzigkeit über ihn
orakelt hatten.
    Die Subjectivität des Übermenschen trieb ihn, gerade weil seine Natur in
ihren Urquellen selbstlos und wohlwollend, zu Paroxysmen der Misantropie.
    Du Spreu des Ewigen, die kaum als Dünger der Weltidee noch brauchbar!
Flüchtiger Kot, vom Sturm des Schicksals in das Nichts gewirbelt! Du Bestie,
die bübische Begierden mit kriechend feiger Heuchelei bemäntelt! Du neid- und
hassgeschwollenen Drachenbrut, Du Rattenkönig, Schlangennest der Sünde! Mensch!
Lebend schon die Würmer Dich zernagen, sich von der Fäulnis Deines Leibes
nährend, in dem die Seele lange schon verfault! Du Blitz, der dort wie eine
Zornesader aus dieser Wolkenstirne Runzel aufzuckt, o schlängle Dich als
Ariadnefaden hinab zu mir ins Labyrinth der Schmerzen!
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    Wie der Trieb zur Sünde im Menschenblut, so liegt im grübelnden Menschenhirn
geheimnisvoll ein schrecklicher Drang, zu erproben die Selbstvernichtung. Auf
die Höhe
