 griff zu dem Streben
seiner Jugend zurück und empfand mit abgeklärtem weihevollem Schmerz seinen
»Faust«. Hätte seine robuste physische Konstitution ihm aber nicht das Ausruhen
einer so langen Lebensdauer zur Schöpfung seines größten Werkes gewährt, so
würde er ewig als ein Abtrünniger vor uns stehen, der den Titanismus seiner
Jugend nicht zu bewahren wusste. Wäre andrerseits Byron nicht so früh
dahingegangen, so würde das unreife Urteil, das nicht im »Don Juan« die
Fortentwickelungskeime einer höchsten Shakespearischen Reife zu erkennen vermag,
ihn nicht als fragmentarische Erscheinung betrachten. Nur Rafael und Mozart
schieden in gleichem Alter als innerlich Vollendete, auch Burns lebte seine
lyrische Naturanlage bei frühem Tod genügend aus, ebenso wie Schiller seine
teatralische. Auch der Größte, Shakespeare, hatte wohl nichts Wesentliches mehr
zu sagen, als er in der Mannheit Blüte weggerafft wurde. Und nun daneben
Marlowe und Kleist! Ach, vielleicht gehört es mit zum Genie, in hartem
Selbsterhaltungstrieb sich zu behaupten. Wer sich physisch oben erhält, bleibt
Sieger.
    Immer wieder peinigte ihn das wirre Angstgefühl vor eingebildeten
Machinationen von Schurken. Es kam so weit, dass er sich wutknirschend am Boden
wälzte. Wie Lenau stocherte er fortwährend im schwarzen Schlamm des Lebens umher
und suchte nach Cholera-Baccillen. Sein Moralisiren verzärtelte ihn so, dass die
bloße Betrachtung der Lebensgemeinheit ihn gradezu krank machte. So wirkt ja
auch das sogenannte Ehrgefühl nur krankhaft, falls es die Verleumdung fürchtet,
der ja doch niemand entgehen kann. -
    Durch die Reaction des berechtigten Stolzes tritt Erhabenheit ein. Statt
sich in weltklugem Phlegma zu verhärten, schwang er sich über sich selbst und
seine Misèren empor, indem der unbegrenzte, ungebändigte Stolz des starren
Individualmenschen sich zusammenkrampfte. Aber auch diese krampfhafte Steigerung
des Selbstgefühls in einsamer Selbstbetrachtung diente nur dazu, sein
Nervensystem vollends zu untergraben. Er musste sich buchstäblich in die Haare
greifen und krümmte sich wie ein Wurm, weil ihn andauernd die Vorstellung
verfolgte, er stürze sich aus dem Fenster eines vierten Stockwerks. Mit voller
Klarheit durchlebte er den Schwindel und die Todesangst des Falls. Dann trat
dafür der grässliche Wahn ein, dass er sich vor einen Kourirzug stürze. Seine
hartnäckige Phantasie klammerte sich an diese Wahnvorstellung wie sonst an
andere kleinliche Nörgeleien. Wie ein Krampf kam fortwährend über ihn die
ekelvolle Furcht vor der Eisenbahn, diesem eisernen Ungeheuer, das über alles
fortrast, über alle Blumen des Lebens. Musste diese selbstmörderische Psychose
nicht eines Tages wirklich zum Verderben führen? Wer stets in den Abgrund
starrt, und wäre er selbst schwindelfrei, stürzt endlich doch hinein. -
    Seine Nervenkrankheit stieg auf den höchsten Grad. Da er alles tat, um sein
System zu vergiften, alle Abende schimpfend in den Kafés umherstöberte, ob man
ihn immer noch todtschweige, und
