 kaum denkbar.
    Fortwährend verplemperte er sich und blieb selten ganz correct. Die
»Korrecten« sind übertünchte Gräber, deren lackirte Charakterlosigkeit alsbald
sich offenbart, sobald man den Firnis ihrer »Grundsätze« abkratzt. »Wahrlich,
wir sind zu jung noch!« Diesen Macbet'schen Ausruf sollte sich Jeder täglich
wiederholen, wenn ihn Gleichgültiges reizt. Aber zarte Sensitivität ist die
Achillesferse jeder feineren Natur.
    Schrieb er Briefe, so gab er sich regelmäßig Blössen, weil ihm die Fleisch
und Blut gewordene Verlogenheit der Andern mangelte. »Der Mann, der so seltsame
Briefe schreibt,« nannte ihn Einer seiner Judasse, nachdem er lange die
Vertrauensseligkeit des jovialen übersprudelnden Wahrheitsdranges ausgenutzt,
und drohte Leonhart zu denunciren, weil er einen hochgestellten Staatsmann
privatim verdächtigt hätte. Leonhart fand zuletzt nur eine Rettung: dass er
überhaupt alle Briefschreiberei mit Unbedeutenden unterließ. Ein hoher Gedanke
in seinen Werken zeigte ja sein wahres Wesen besser, als alle mündliche und
schriftliche Konversation. Wer sein ganzes geistiges Vermögen in seine
Schöpfungen gießt, kann zuletzt, todtmatt und mit aufgezehrten Nervensäften, für
seine Korrespondenz nichts mehr erübrigen. Werfen doch philiströse beschränkte
Geister einem Ungewöhnlichen so leicht haltlose Unruhe vor, weil man bei ihnen
unberechnende Aufrichtigkeit höchstens erzielen kann, wenn man ihre Eitelkeit
verletzt!
    Wie einen Schmoller sein schlechtes Gewissen zu dem Argwohn trieb, dass
andere über ihn noch schlimmer dächten, als es der begründeten Wahrheit
entsprach, - so litt Leonhart umgekehrt an dem Wahne, dass Andere viel
freundlicher über ihn dächten, als sie taten. Daher warf er sich selber oft
vor, dass er zu hart urteile, wenn er die selbstsüchtigen Motive der Anderen
durchschaute. »Gemüt« ist meist nur ein Zeichen physischer Schwäche. Freilich,
wie oft nutzt andrerseits der physisch Schwache das Mitleid der Gutmütigen aus!
    Schon hierin befand sich Leonhart in stetem Nachteil, dass gerade er die
Dinge nie persönlich, sondern objectiv auffasste, da er allein wahre Liebe zur
Muse besaß. Ist es nicht schon an sich ein grässlicher Widerspruch, den
persönlichen Freund zu tadeln und den persönlichen Feind zu loben?! Und dabei
faselte man noch von seiner Subjectivität!
    Doch galt er Vielen als ein harmloser Esel, vom weltlichen Standpunkt aus.
Freilich, wer nie im weltlichen Sinne sich wie ein Verrückter gebärdete, wer
nicht Stadien einer krankhaften Zerrüttung durchzumachen hatte, ein solcher
Dichter möge sich der hochlöblichen Regierung als Hülfsarbeiter melden. Litt
nicht selbst der junge Goethe an hochgradiger Weltunfähigkeit, an der
Unmöglichkeit, das Dichtertum mit dem realen Leben zu vereinen? Je weiter er
sich von wahrer Dichterkraft entfernte, desto höher stieg sein weltliches Ansehen
und seine olympische Weisheit, ein Wohlgefallen vor Gott und den Menschen. Erst
der erlauchte Greis, auf den Höhen des Lebens angelangt,
