 alles ist tot und kalt.
    Oben in seiner Kammer (er wohnte natürlich nahe dem Himmel) hatte sich ein
Nachtfalter verfangen, der lärmend herumrumorte. Draußen rauschte plötzlich ein
Regenguss hernieder und klopfte eintönig auf das Fensterbrett. Wie der eisige
Griff des Todes schauerte es den Einsamen an, und ehe ihn der Bruder des Todes
mit seinen weichen Armen umfing, quoll ihm die Frage von den bebenden Lippen:
Die Astern draußen verkümmern
Einsam im Regensturm.
Im morschen Holzgetäfel
Pocht der bohrende Wurm.
Eine Motte einsam flattert,
Wo die Kerze einsam loht.
Wer ist hier das Leben?
Wer ist hier der Tod?
    In seinen unruhigen Schlummer drängte sich ein Bild der Vergangenheit, aber
in seltsamer Gestaltung, die er sich wachend nicht zu erklären vermochte. Das
linke Auge lag blutrot wie eine Wunde in dem zarten Haupt. Aber mit rührender
engelgleicher Geduld schwebte die zarte Gestalt hin und her, und plauderte
wehmütig freundlich. Eine unsägliche Zärtlichkeit durchströmte sein Herz, als
er auf das süße liebliche Antlitz herniederschaute.
    Immer noch litt er an der Krankheit, sich um das Urteil der Andern zu
kümmern, während er sie doch tief verachtete. Auch schwankte seine
Menschenkenntnis krankhaft hin und her. Sprach er grade mit den Leuten, so ließ
er sich dupiren; waren sie ihm ferngerückt und überdachte er ihr Wesen, so
durchschaute er ihre Motive wie dünnes Glas. Andrerseits konnte er Menschen
antipatisch im ersten Augenblick betrachten, um im nächsten bei seiner
überzarten Gerechtigkeitsliebe, sobald dem persönlichen unangenehmen Eindruck
entrückt, versöhnlich und milde zu denken. Ihm mangelte gänzlich jener letzte
eingeborene Instinkt der Selbstsucht, der keine andre Rücksicht als das
persönliche Interesse kennt und alles nur unter diesem Gesichtspunkt beurteilt,
fremd allen sonstigen Einflüssen. Auch seine Eitelkeit blieb immer noch zu
reizbar und vergab keinem Dummkopf seine Albernheiten. Er dachte an sein
Erstlingswerk, das er in frühster Jugend veröffentlichte. Darin gab es bei aller
Unreife der Form schon Stellen, welche einen scharfsichtigen Kritiker mehr als
überraschen, welche befremden mussten. Es klang darin, wie das unbeholfene Lallen
eines großen Dichters. Wer aber unter den elenden Kritikastrirten hatte das
erkannt! Über die schwerfällige Form, das Aeusserliche, konnte das Verständnis
der Mehrzahl kaum hinwegkommen. Das war seine erste Erfahrung gewesen und wie
zahllose sollten noch folgen! Nun hat ja freilich alles seine Vorzüge und alles
seine Fehler. Es liegt also in der Natur der Sache, dass wir an unseren Sachen
nur die Vorzüge, die Feinde nur die Fehler sehen. Man warf ihm vor, dass er sich
zersplittere. Allein, sein umfassender Geist hatte seine Wurzeln so weit
verzweigt, dass ihm Vielseitigkeit eine Lebensbedingung wurde. Vielseitigkeit ist
an sich noch kein Merkmal des Genies, aber Genie im höheren Sinne ist ohne
Vielseitigkeit
