 sei.
Diese bequeme Doktrin hat sich das Philisterium erfunden, um sich der
Heroenverehrung entschlagen zu dürfen. Denn dieser Einbildung liegt nur das
Prinzip zu Grunde, dass Rentier Schulze ein ebenso wichtiges Mitglied der
menschlichen Gesellschaft sei, wie das unbequeme und nirgends nach Schablone
einzuschachtelnde Genie. Wäre freilich das Genie »bescheiden«, so würde Schulze
es völlig übersehen; sobald es aber hochmütig auftritt, ruft man ihm zu: »Sie
sind kein Genie, weil Sie nicht bescheiden sind - so bescheiden, wie Bonaparte,
Byron, Goethe, Schiller, Jean Paul, Kleist, Racine, Victor Hugo, Richard Wagner
und all die anderen bescheidenen Größen.« Ein meisterhaftes Manöver, das nach
beiden Seiten hin deckt. - So krass und nackt ausgedrückt, scheint vielleicht
Karikatur, was doch nur buchstäbliche Wahrheit ist.
    Es wirkt unbeschreiblich komisch, die sittliche Entrüstung und Abneigung zu
verfolgen, mit welcher Jedermanns Eitelkeit kollert, sobald Jemand sich für
etwas Besonderes hält. Die Ochsen, die ein roter Lappen blendet, stoßen mit
heisshungrigem Grimm ins Blaue. Von einem gewissen Shakespeare hieß es grollend,
er halte sich für den einzigen »Shakescene« (»Bühnenerschütterer«); er sei ein
strebernder Hausdampf in allen Gassen (»Johannes Faktotum«); ein Eklektiker, der
jeden Stil nachahme, sogar ein Plagiator. Wenn man ihn mit Meister Ben Jonson
vergleiche, da sehe man, wie dilettantisch und verfehlt seine Versuche seien, so
grössenwahnsinnig er auch sein Froschtalent aufblase.
    Also quakten aus ihrem Sumpfe die Greenes, Kyds, Dekkers, Haywoods und all
die andern Gebrüder.
    Shakespeare aber, so bescheiden wie das Genie nun einmal ist, schrieb in
sein Sonett-Tagebuch: »Nicht Marmor noch der Könige vergüldete Denkmäler werden
überleben mein machtvolles Lied, das da währen wird bis zum jüngsten Gericht,
bewundert von noch ungeborenen Geschlechtern.«
    Wie kann man gegen das Selbstgefühl des Verdienstes etwas einwenden, wenn
man die Grossmannssucht all der hohler Impotenzen damit vergleicht!
»Schriftstellerrepublik« - ja wohl! Aber jede Republik hat ihren Präsidenten und
es gibt ebensowenig eine Gleichheit der Geister, wie der socialen Bedingungen.
    Die Litteraten unter sich wollen auch gar keine Republik, sondern Anarchie,
wo jeder naseweise Reporter sich als stimmberechtigt neben dem Dichter fühlt und
jeder Zaunkönig den Adler »Kollege« schimpft. Eine Republik von lauter Königen -
Percy, Prinz Heinz, Falstaff und seine Rekruten in Reih und Glied nebeneinander.
Diese Disciplinlosigkeit schadet unendlich. Denn sie bildet die auf
Gegenseitigkeit arbeitende Kameraderie aus, welche das Bedeutende nur anerkennt,
wenn sie selbst als bedeutend begrüßt wird.
    So kommt das Große nicht auf und andrerseits vergeht dem Großen die Lust,
wohlwollend das Kleinere zu fördern, weil dieses sich sofort in zu hohe
