Du wirst Dich noch ändern, Dir die Kanten abschleifen!« meinte Holbach
wohlwollend.
    Leonhart lachte auf. »Aendern! Der Mensch ändert sich nie, die in ihm
schlummernde Vererbung entwickelt sich logisch fort und die Umstände
beeinträchtigen sie nicht. Bedenkt man alle Dummheiten seines Lebens, selbst die
tollsten, so erkenne Jeder, dass er unter gleichen Umständen just ebenso handeln
würde. Nichts lächerlicher als die Phrase: Wie der Mensch sich geändert hat!
Eil: Hitzkopf bleibt ein Hitzkopf, ein kalter Weltmensch bleibt ewig derselbe,
alles Andere ist äußere verbrämende Maske.«
    »Jajaja,« Holbach zog missmutig den Mund schief. »Aber ich rate Dir doch,
endlich die Krallen einzuziehn und das Schimpfen einzustellen.«
    »Da hast Du allerdings Recht. Schimpfen ist nur Verschwendung. Seine wahre
Verachtung kann man der Welt nur bezeugen, wenn man sie mit denselben Mitteln
schlägt.«
    Hier unterbrach ihn großes Hallo, indem eine ganze Horde verdächtig
aussehender Individuen sich in die Bierstube ergoss und die vierblättrige
Tafelrunde mit einiger Zudringlichkeit begrüßte. Lauter Vertreter der
öffentlichen Meinung, sogenannte Pressbengel, welche soeben die Weltdichtung »
Germania, Ballet in 15 Tableaus« mit aus der Taufe gehoben hatten. Der
Terpsichore-Dichter, nach glücklich überstandener Première mit dem Schweiße des
Edlen und obligatem Lorbeer gekrönt, befand sich in aller Munde und in aller
Mitte. Man setzte ihn an die Spitze der Tafel neben Holbach nieder und hieß die
beiden berühmtesten Reklamedichter sich gegenseitig die Hände schütteln.
    Da die Stunde schon vorgerückt, warf man des Tages Sorgen völlig ab und
widmete sich, jedes litterarische Gespräch als Fach-Simpelei verpönend, nunmehr
völlig dem innigsten Klatsch.
    Alle fingen vice versa an, sich zu entschuldigen wegen allerlei kleinen
Schmutzereien, nach dem Grundsatz: Qui s'excuse, s'accuse. Wer, ohne dass man ihn
darum fragt, plötzlich sich zu verteidigen anfängt, wird sicher von einem
Gewissensbiss gequält. Der Eine, ein vereidigter Syndikus aller Pressaffairen,
erzählte allerlei Prozesschikanen ohne Pointe. Ein Andrer, ein wichtigtuender
Affe, stocherte mit seinen ungewaschenen Fingern in den Affairen anständiger
Leute herum und fabelte schwungvoll. Dann lobte man sich gegenseitig unverschämt
ins Gesicht.
    Leonhart lächelte verschmitzt. Der Eine von den Herren, ein hochgemuter
Vorfechter der Schriftstellerrechte, hatte einem armen Blaustrumpf in aller
Stille ihre Sparpfennige durch Eheversprechen abgeschwindelt. Der Andre, ein
fetter Lustspielfabrikant, hatte eine Kellnerin geheiratet, um 4000 Mark
zurückzubekommen, die sie ihm nach und nach abgeknapst und dann auf Zinsen
gelegt hatte. Die Gerissensten fallen immer mit solchen Weibern am leichtesten
herein. Ein andrer wohlklingender Autor aus Österreich, Namens »Edler von
Ferchwan«, hatte die Tochter einer Souffleuse geheiratet, um sich
durchzumästen, da er als Mitglied eines sogenannten
