 Rätsel. - Ja, aber die Gerichte, verehrter Herr, die Rechtspflege dieses
Landes müssen Sie doch anerkennen. Unter dem Gesetz stehen doch auch Sie, Sie -
Schöpfer. Nehmen Sie mir's nicht übel, aber die Herrn Dichter haben manchmal
sonderbare Begriffe. Sie z.B. -«
    Leonhart unterbrach ihn: »Ja, ich gebe es zu, ich habe mich nie als Bürger
und sozusagen als Mensch, sondern immer nur als Dichter gefühlt, dem Dämon
meiner inneren Mission alle Säfte meiner Jugend geweiht.«
    »Hm, sehr - sehr interessant,« näselte Knaller. »Aber passt das wohl noch in
unsere nüchtern praktische Zeit? Da sind Sie doch schief gewickelt. Und dann -
hehe - wenn Sie so ganz Ihren schönen Idealen leben, so sollten Sie doch eben
das unpoetische Weltleben ganz unberücksichtigt lassen. Sehen Sie, unsere Damen
- ich weiß das von meinen Kousinen her - hassen Sie ja gerade, weil Sie so - so
realistisch, so unpoetisch denken. Sehen Sie, Julius Wolff - das ist ein
gottbegnadeter Poet, der das Schöne pflegt. Aber Sie - sehen Sie, die Politik
und die sociale Frage gehören doch nicht in das Reich des Schönen, der
göttlichen Kunst.«
    Leonhart hielt mit Mühe an sich. Ruhig erwiderte er: »Ja, mein lieber Herr
Rechtsanwalt, ich begreife, dass Sie, ein so reichbesaittes poetisches Gemüt,
das Ideale verteidigen. Schönheit lebt nur in dem Reich der Träume, in
Wolkenkuckucksheim. Aber wir Armen gehen einer ernsten furchtbaren Zeit
entgegen, wo der hohle Schönheitscultus, die ästhetische Formfexerei sich
endlich verkriechen müssen. Nur die Feder gilt dann noch, welche von Stahl ist -
Gänse-und Schwanenfedern zerbrechen. In Bereitschaft sein ist alles.«
    »Na, ich grüße Ihre Schwertfeder!« Der Rechtbeflissene räusperte sich
vielsagend. »Aber Ihre Sache steht faul, so viel kann ich Ihnen nur sagen. Ich
widerrate Ihnen zu appelliren. Es kostet Ihnen nur ein schmähliches Geld und
der hohe Gerichtshof« Knaller sprach dies Wort immer mit ehrfürchtiger Salbung,
»kann ja nicht anders entscheiden als der Herr Staatsanwalt. Denn Ihre Messalina
- darüber sind wir uns ja alle wohl klar - ist ein unsittliches Erzeugniss,
hehe!« Er kniff schelmisch ein Auge zu und zwinkerte den Dichter an, als handle
es sich um ein vertrauliches Privatzugeständniss zwei schlauer Bierbrüder.
    »Herr,« schrie Leonhart wütend, »ich verbitte mir jedes weitere Urteil
darüber. Was verstehen Ihre verstaubten Kodices von der höheren Moral eines
Dichters? Ich Ihre Gesetzbegriffe respektiren? Nein und dreimal nein. Sie haben
überhaupt keine Kompetenz, Höheres nach Ihrer Buchstaben-Elle zu messen. Ich
kenne das: Das ist so der rechte
