 dies tiefgefühlte Bedürfnis
- nur die unbefleckte Empfängnis wollte ihm nicht recht einleuchten.
    Indem sie eine russische Papyros sich ungenirt ansteckte, betrachtete ihn
die holde Wahlverwandte immer noch mit zweifelhaften Blicken. Leonhart lächelte
verstohlen und seltsame Gedanken schossen ihm durch den Kopf.
    Jedes Menschen Charakter und Geist steht deutlich in seinem Gesicht
geschrieben. Doch nur Wenige verstehen es zu lesen. Von Genies hat man gesagt,
sie sähen unbedeutend aus. Vor dem klassischen Kopf Napoleons riefen die
Pariser: »Die hässliche Kröte! Wie gelb er ist!« Aber noch mehr: Die Wenigen -
bildende Künstler, Dichter und Staatsmänner -, welche diese Kunst verstehen,
misstrauen sich darin und verwirren sich bei zunehmendem Verkehr. Sei mit einem
Schuft befreundet, so wirst du bald genug verlernen, die offene klare Sprache
seines Gesichts zu lesen. Entscheidend ist daher nur der erste Eindruck.
    Wie Wenige gibt es, die über ein »unscheinbares« Äußere (im gewöhnlichen
Weltsinn) wegsehen können!
    Alles was wir von Shakespeare wissen, die Tatsache seiner Verkleinerung bei
Lebzeiten und plötzlichen Vergötterung nach dem Tode, wo nur noch seine Werke
sprachen, zeigt an, dass er in Allem der völlige Gegensatz eines Goethe gewesen
sein muss. »Er war sanft, gutmütig, leicht zugänglich« - diese kurze
Charakteristik, die wir über ihn besitzen, malt uns z.B. nicht seine äußere
Erscheinung. Und doch scheint dies so unendlich wichtig! Es mag trivial oder
richtiger - cynisch klingen, aber man darf die pessimistische Behauptung wagen:
die zwei im Leben erfolgreichsten großen Dichter, von denen wir wissen, Goethe
und Byron, verdanken ihren äußeren Triumph bei der Mitwelt zum größten Teil
ihrer persönlichen Schönheit. Man möchte die Jungfrauen sehen, die begeistert zu
Schaper's Denkmal in Berlin hinaufschmachten, wenn Goethe bucklich gewesen wäre!
Aesop als Dichter des »Childe Harold« wäre wohl nimmer »the rage« geworden!
    Das Genie soll man aus der Ferne bewundern. Rückt man den hohen Bergen zu
nahe auf den Leib, so scheinen sie nur unförmliche Felsklumpen voll Schnee und
Eis.
    Friedrich der Große war gewiss ein Genie und ein großer Mann in jedem Zoll.
Aber er war ein Purpurgeborner. Höher stehen Männer, welche »jeder Zoll ein
König« wie Cromwell und Napoleon und doch die blinde Welt erst mit Gewalt zur
Erkennung ihres inneren Königtums zwingen müssen. »Der kleine ungeschlachte
Bierbrauer!« riefen die englischen Royalisten.
    
    .. Die Frau scheint unfähig, abstrakt zu denken, sondern denkt immer
concret. An sich ist das kein Fehler; sie ist eben Realistin. Maria Magdalena
verstand den Heiland, weil sie das Persönliche desselben transcendental empfand.
Dies kann beim Weibe genau so ideal und immateriell sein, wie die reflektive
Begeisterung
