 Rafael Haubitz
wallfahrten wollte. Dafür versicherte er Lämmerschreier mit verschwimmenden
treuen wasserblauen Germanenaugen: »Ja, nur zu Ihnen komme ich, mein verehrter
Herr, nur zu Ihnen. Wie würde ich sonst -! Aber die Reife Ihres Urteils -! Ach,
wie wenig liegt mir sonst am äußeren Erfolg, der so leicht in Scherben fällt!
Ich bin ein müder Mann, lieber Freund. Nur der Glaube an das ewig Schöne, diesen
heiligen Sebastian mit dem Pfeil in purpurner Wunde - nur er hält mich noch
aufrecht als Stab meines müden Lebens!«
    Ein andermal erzitterte sogar die Redaktionsstube unter dem klobigen
Dichterschritt des Herrn von Alvers. Puterrot vor edlem Zorn über den
mangelnden Schutz seiner künstlerischen Persönlichkeit, biederte er mächtig
darauf los. Sein breiter urgesunder Brustkasten bildete gleichsam den dröhnenden
Resonnanzboden seiner sittlichen Überzeugung, dass Er als der Erkorene allein
den Weg zum Herzen seines Volkes gefunden habe. Um dies Bewusstsein ja nicht
einschlafen zu lassen, erliess er von Zeit zu Zeit dröhnende Ukase, worin er Gott
und den Menschen sein Leid klagte, er werde lange noch nicht genug bewundert.
    »Ja,« rief er mit edlem Freimut, indem seine große Pickelwarze vor
Begeisterung ordentlich karfunkelte, »ja, Herr von Lämmerschreier, schon als
mein Standesgenosse, als Royalist, sind Sie verpflichtet, für mich zu wirken.
Ich bin das patriotische Element der deutschen Dichtung. Ich wirke auf mein
Volk, ich liebe mein Volk und mein Volk liebt mich. Sehen Sie, für mich besteht
heutzutage die ganze Bedeutung eines Dichters in seiner praktischen Einwirkung
auf sein Publikum. Hundert Aufführungen hintereinander im Neustädtischen
Volksteater - he, was soll's? Lass doch dumme Neidlinge wie Leonhart faseln, Ich
sei bloß Teatraliker - ihre respeklosen Ausfälle werden Mir keinen Mann meines
Publikums rauben. Mein Volk steht zu Mir, seinem erwählten Dichter.« Er malte
jetzt in wenigen Strichen, die den Meister nicht verleugneten, sein neuestes
Opus »Gorm der Alte« dem andächtig Lauschenden vor. Gorm der Junge heiratet
darin, nachdem er zwei Bräute erdolcht, seine Tante. »Also Sie bringen wohl
darüber eine ganz kleine Notiz, etwa dreißig Zeilen oder so, nicht wahr? Ich
verlasse mich darauf. Adieu, mein lieber Herr von Lämmerschreier, adieu. Sie
sind ein verehrtes Mitglied jener patriotisch-royalistischen Jugend, die ich
begrüsse.« Damit schüttelte er dem jugendlichen Redakteur biderb die Hand aus dem
Gelenk, indem er jedoch zugleich den Oberkörper würde-kollernd drei Schritt vom
Leibe zurückwarf - und stürmte weiter, um seine durchsichtigen Reklamezwecke mit
Wasser zu kochen. Wer wollte ihm das verübeln!
    Gewiss nicht der Onkel des jungen Lämmerschreier's, der große Malermeister
Adolf von Werter, der seinen Neffen mit manch gutem Ratschlag
