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    Leonhart's Gehirn fing an, durch sein zerrüttetes Nervensystem und seinen
krankhaften Gemütszustand geschwächt zu werden. Die unnatürliche Lebensweise
der jungen Leute in Berlin, das nächtelange Umherschwärmen in den Kneipen und
Nachtcafés, das sogenannte »Sumpfen« lähmt die frische Schwungkraft. Seit er ein
ständiger Zuschauer bei dem Hypnotiseur Hansen geworden war, ging es vollends
mit ihm bergab. Dieser benutzte ihn bei seinen Experimenten und die leichte
Nervose Leonharts wurde hierdurch noch verschlimmert. Er bildete sich ein,
magnetische Kräfte zu besitzen; er abonnirte sich auf die »Sphinx«, das
Leiborgan der Spiritisten, und ließ sich von einer Kollegin, die als begeisterte
Prophetin des Spiritusmus galt, immer tiefer in dessen Geheimnisse einweihen.
Überall sah er gewissermaßen Gespenster seiner Vergangenheit um sich her. In
jeder Droschke, wo ein leidlich ähnliches Gesicht herausnickte, glaubte er eine
verlassene Geliebte zu erkennen. In der Hasenhaide bummelnd, sah er einst vor
der Bude »Des de Mona« (soll heißen: Desdemona) eine Gestalt mit einem Packet
vor sich hergehn, die er zu erkennen glaubte. Er machte sich sofort auf die
Beine und stiefelte ihr nach, trotzdem bei der großen Hitze ihm der Schweiß aus
allen Poren rann. Als er sie erreichte, drehte sich die Unbekannte um - ein
wildfremdes Gesicht starrte ihn an, so dass er, verlegen etwas vor sich
hinstotternd, eiligst vorüberging. Er fing an, um Mitternacht hallucinative
Gedichte zu entwerfen - vulkanische Ideen- und Gefühlsmassen machten sich Luft,
um alsbald in kalter Lava zu erstarren Kein »Blümlein wunderhold« sprosste aus
den Abgrundrissen seiner Träume empor - nur Erdpechflammen zuckten gespenstig
auf. Sobald einmal ein Gehirn eine solche Richtung genommen hat, dass seine
Begriffe alle transcendental werden, sobald also wirkliche Hallucinationen
vorliegen, wirkt auch dies wie realistische Wahrheit. So ist Dante zu erklären.
Das Menschengehirn hat keine Grenzen, mag also auch transcendental denken
Maßstab für das Alles bleibt nur immer das Streben nach Wahrheit, welches innere
Wahrhaftigkeit verbürgt selbst bei der tollsten Exaltation. - -
    Eine gewisse auffallende Kleinlichkeit paart sich oft in einem groß
veranlagten Gehirn mit den umfassendsten Ideen. Es ist charakteristisch, dass
Goethe auf seinen Manuskripten keinen Klex dulden konnte. Napoleon's
welterobernder Geist beschäftigte sich oft mit den kleinsten Nebendingen des
ungeheuren von ihm geleiteten Räderwerks und fühlte sich gepeinigt durch die
kleinsten Störungen desselben.
    So gibt es Schriftsteller, die von ihren Druckfehlern selbst in der
Erinnerung noch gefoltert werden. Nun ist ein Druckfehler ja ein hässlich Ding.
Aber es steht fest dass man selbst die auffälligsten Druckfehler als bloßer Leser
übersieht, weil man mehr errät als liest. Auch bringt es die sonstige
Gleichgültigkeit des Lesers mit sich, dass er einen Druckfehler nie tragisch und
als Störung empfindet, während
