. Denn er, der
eigentliche deutschnationale Dichterrealismus, ringt augenblicklich noch mit
sich selber, hat sich noch nicht zur letzten Lösung durchgerungen. Er türmt
Cyklopenmauern, hinter denen ein Riese seine Waffen türmt.« Die verbündeten
Eklektiker sahen den Grafen so dämlich an, wie die Ochsen vor'm neuen Tor, so
dass dieser sich jetzt eilig empfahl.
    Nur Holbach nickte langsam vor sich hin, indem er mit seltsam düsterem
Ausdruck wieder ins Leere starrte. Seine löwenhafte Reckennatur verseuchte sich
zwar durch und durch mit füchsischer Balancir-Verlogenheit eines Weltlings; er
repräsentirte gleichsam als Typus die Welt, also die Lüge. Aber das wirkliche
Wohlwollen, das ehrliche breite Herz, das unter all der schwindelhaften
Schauspielerei in seiner breiten Brust schlug, erriet intuitiv Manches und
fühlte instinktive Verwandschaft: Beide hatten ihren wahren Beruf verfehlt.
    Als Krastinik gegangen, fasste Arthur Gutmann den Gesammteindruck der
illüstren Versammlung zusammen, indem er nachdenklich murmelte: »Wo mag wohl der
Grund stecken, dass der Graf diesen Leonhart so eifrig verteidigt? Sollte Jener
vielleicht grade einen lobenden Essay über Krastinik schreiben wollen?«
    Ist doch der Begriff einer unbeeinflussten Kritik längst entschwunden. Man
hat heut Kunstbutter, Kunstmilch, alles ist unecht, selbst das Genie wird man
noch fälschen können.
 
                                      III.
Leonhart sah wochenlang keinen Menschen und schloss sich in seine Kammer ein. Er
zermarterte wieder sein Gehirn mit tausend Überflüssigkeiten, indem er nun
dumpfem Groll an die Verrätereien dachte, welche all die Judasse um ihn her
gewiss hinterm Rücken an ihm verübten. Mit düsterm Groll reckte er seinen Arm vor
sie hin und schwor sich: »Wenn ich je falle (wer weiß, wo und wo sie mir doch
noch ein Bein stellen), so reiße ihr euch alle mit in den Abgrund!«
    Wieder sprach in ihm jene innere Stimme sein Gerechtigkeitsgefühls, das ihn
stets schwächte, weil nur der Einseitige durch Selbstsucht stark wird: »Bist
denn Denselber ohne Schuld?«
    Aber da erhob sich eine andere Stimme in ihm, gewaltig wie die Wahrheit, und
laut rief er es zum Himmel empor, dass die Wände seiner Stube dröhnten: »Ich bin
nicht ohne Schuld, doch ihr seid schuldig. Schuld an aller Sünden wider den
Heiligen Geist, - jener eine Sünde, die nimmer vergeben wird.«
    Er wünschte blutige Tränen zu weinen, dieser angebliche Ewigkeitsmensch,
immer und immer wieder durch Nichtiges abgelenkt und innerlich zerrieben. Viele
Tropfe höhlen den Stein - der nie endende nagende Ärger unterhöhlte seine
Geisteskraft. Facit indignatio versum - aber wenn die Indignation nie aufhört,
so versiegen auch die Verse zuletzt.
    Das ist ja eben das Erhebende bei der deutschen Geschäftslitteratur und
-Kunst, dass man die durchgehende Gemeinheit der Welt dort concentrirt findet,
gleichsam symbolisch
