! Neulich
noch habe Leonhart sich darüber mokirt, dass Scheffel ins Irrenhaus gewandert
sei, weil ihm die dargebrachten Huldigungen der undankbaren deutschen Nation
nicht genügten, und dass der biedere Dichter die 46.-49. Auflage seines
»Ekkehard« mit großem Kostenaufwand selbst aufgekauft habe, um die 50.
Jubiliäumsauflage zu ermöglichen. Auch sei die Fühlung des jungen Poeten zu dem
Altmeister und dem »Ring der Nibelungen« nur gering. Das war für Luckner
entscheidend. Nach dem Grundsatz, der heut die Welt regiert: Richard Wagner est
asylum ignorantiae, versenkte sich der harmlose Knirps-Pimper (wie Leonhart,
dessen Verachtung stets drollige Naturlaute fand, ihn zu nennen pflegte) in
Musikkennerschaft, um sich über seine Dichterlähmung zu trösten. Für ihn schien
das Welträtsel in Bayreut gelöst. Wie der Bayreuter Meister des Grössenwahns
keinen Gott neben sich erkannte, so betrachtet auch die Wagner-Gemeinde jeden,
der nicht auf ihre lächerliche Einseitigkeit schwört, als eine Art Heiden, und
wer noch an die Möglichkeit anderer Weltpropheten glaubt, als Verbrecher. Der
Richard Wagner-Humbug bildet ja gleichsam die symbolische Spitze für alle
Grossmannssucht unserer Zeit.
    Krastinik überlegte wie es schien, und sammelte vielleicht Erinnerungen an
Aussprüche seines Meisters. Dann erwiderte er gemessen auf Dondershausens Frage:
»Bei den Anderen, deren Schaffen trotz aller äußeren Geschlossenheit als
innerlich zerstückelt wirkt, stehen wir immer in enge Kreise gebannt, mit beiden
Füßen auf der Erde - das heißt auf den Brettern, welche die Welt bedeuten. Nie
wird man bei ihnen die Empfindung des bloßen Teaterspielens los. Kombinirt
Leonhart dramatische Gegensätze, so gehen sie stets in symbolische Tiefen hinab,
während sich bei Anderen die Leute ganz handgreiflich-plump mit ihrem
schrecklichen Edelmut wie mit einer moralischen Ohrfeige drohen. Leonhart's
Vorbild scheint offenbar Shakespeare, welcher auch in seinen realistischen
Dramen überall Durchblicke ins Ewige eröffnet. So die Villegiatura von Belmonte
im Kaufmann von Venedig. Dort zerreißt der Vorhang hinter dem Saal des
Dogenpalastes, wo man über weltliches Recht und Unrecht streitet, und man
erschaut das Ewige in der Mondnacht, wo Lorenzo mit Jessica träumt: Auch nicht
der kleinste Stern, den Du da siehst, der nicht im Schwunge wie ein Engel singt.
Was also ist dieser ganze kleine Erdball, mahnt uns der Dichter, dieser Stern
unter größeren Sternen! Ist aller irdische Streit nicht müßig?«
    »Aber ich bitt' Sie! Shakespeare! Ja, wer möchte den Herkules preisen, den
Niemand tadelt - sagt ein lateinisches Sprüchwort. Shakespeare und Leonhart! Wo
liegt da der Zusammenhang! Alle Achtung vor dessen Leistungen, aber -«
    »Was er ist und kann, können wir jetzt immer noch nicht beurteilen, so
großartig er auch schon als Gesammterscheinung sich darstellt
