
Da ist's unmöglich auszuroden
Das Unkraut Laster und Verbrechen,
Selbst mit dem allerschärfsten Rechen.
Und ob ich auch an jedem Tag
Dich um Verzeihung bitten mag,
O Weisheit, dass ich Deinen Lehren
Noch immer muss Gehör verwehren -
Verzweifelnd hab' ich aufgegeben
Den Vorsatz, dass ich je im Leben
Würd' vierundzwanzig Stunden finden,
Ganz rein von Torheit oder Sünden.
Denn Eins von Beiden musst Du wählen,
Um langsam Dich zu Tod zu quälen.
Der Grund des Elends aber ist:
Gewohnheit, wie Ihr Alle wisst,
Ist unsre Amme. Ob wir heftig
Anklagen uns und rasch geschäftig
Vorhalten unserm Geist die Gründe,
Warum ja reizlos jede Sünde -
Hilft nichts! Wer je sich gab Konsenz
Zur Sünde, fühlt die Konsequenz:
Gewohnheit wird sie. Es verschwören
Sich Leib und Seele und empören
Sich gegen jedes Reformiren -
Wie Du begonnen, musst Du's weiter führen.
Köstlich ist die Tugendentrüstung
Und pharisäische Selbstbrüstung,
Mit der wir auf Andrer Sünden schauen
Voll tiefem Ekel und staunendem Grauen,
Weil wir ihr Laster nicht können verstehen
Und nicht den geringsten Reiz drin sehen,
Vielmehr nur den Ekel davor begreifen.
Wie kann doch A. so weit ausschweifen,
Mit Demimonde sich abzugeben,
Während doch manche Ladies eben
So gerne sich verführen lassen!
»Wie?« spricht B. »Ich sollt' mich befassen
Mit solchem Gräul? Ich halte Hetären,
(Nun, als ob Andre Heilige wären!)
Doch Ehefrauen verführen, entsetzlich!
Auch find' ich's gar nicht sehr ergötzlich.«
Denn Jeder zurück vor der Sünde schreckt,
Welche ihm nämlich selbst nicht schmeckt.
Es gibt in Sünde nicht Maß und Grad,
Es gibt nur einen bestimmten Pfad.
Und wer »natürlich« gesündigt hat,
Wird vom Genuße genau so satt,
Wie von der »unnatürlichsten« Sünde.
Alle die pharisäischen Gründe,
Warum eins besser, das andre schlimmer,
Gelten vor'm Auge der Wahrheit nimmer.
Ans Meer der Freiheit drangen wir verschmachtend,
Mit glühnden Adern stürzten wir hinein,
Der Vorsicht ernste Mahnung nicht beachtend.
Wir tranken bittres Salz, als wär' es Wein,
Erkrankten und ertranken. Tyrannei
Jedoch gefoltert wird vom Einerlei
Des ewigen Durstes, des unstillbaren,
Des nur vermehrten, wenn erfüllbaren,
Nach Opferblut. Am Quell der reinsten Flut
Verschmachtet sie, lechzt und erstickt an Blut.
Eis oder Wasser heißt der Unterschied,
Den zwischen Bösem man und Gutem sieht.
Ich singe die Sonne am Himmelszelt
Und den Wurm, den sie bescheint,
Und was nur blinkt, stinkt, greint und weint
Die ganze Welt.
Die Lerche steigt übers Korn hinan
Als Ode. Die Schnittermagd,
Sehnsucht-geplagt, an der Sense nagt -
Das
