 und Beschwerde
Und dass die liebe Sünde uns gegeben,
Damit das Dasein recht entzückend werde.
»So möchtest Du denn also ewig leben?«
»Um Gotteswillen, nein! Welch ein Gedanke!
Eh ich am Stab des Greisenalters wanke,
Eh weiß ich nicht, was ich mir selber tue!
Je kürzer, desto besser! Ruhe, Ruhe!«
Nun, alles Dies ist nur ein Widerspruch.
Entweder ist das Leben nur ein Fluch,
Die Welt ein Jammertal, und drum beweint
Den Säugling, wünscht »lang Leben« eurem Feind.
Oder Ihr meint, dies sei die beste Welt
Und für Genüsse ein ergiebiges Feld,
Und hasst als einziges Übel drum den Tod
Und lasst Euch schmecken Euer täglich Brod,
Und dann mit allen Kräften dahin strebt,
Dass möglichst lange Ihr genießt und lebt.
Entweder Ihr seid Toren - so seid's ganz!
Euch dünke jeder Flitter echter Glanz!
Scharrt Gold zusammen, grübelt voll Erbauung
Ob der Methode richtiger Verdauung,
Hascht nur nach äussrem Schein und hohlen Ehren,
Lasst Pflichten Euch das Leben nicht beschweren,
Gedanke und Gefühl sei Euer Spott,
Esst Hummersauce und verehret Gott!
Oder Ihr kamt zur bitteren Erkenntnis,
Dass alle Ideale hohl und schaal
Und dass der Tod des Lebens beste Wahl -
Dann scheut auch nicht das offene Bekenntnis!
Ja »Weltschmerz«, heiliges und großes Wort,
Gemissbraucht nur von der Titanen Affen!
Wenn Dich entweiht der Mund blasirter Laffen,
So wendet schweigend sich der Dulder fort.
Von ihrem Ichschmerz winseln nur die Toren.
Denn der hat nie den wahren Schmerz empfunden,
Wer je darüber hat ein Wort verloren:
Der Stolz des Koriolan verhüllt die Wunden.
Der wahre Weltschmerz schweigt. Was soll er sagen?
Nur wiederholen wiederholte Klagen?
Nur fühlen soll er mit bewusster Klarheit
Die eine große fürchterliche Wahrheit:
Dass Glück ein Traum und Unglück einzig wahr
Und dass Zufriedenheit nur Täuschung ist,
Das schmerzenlos allein der Egoist
Und glücklich kaum der tierische Barbar.
Und spricht ein Mensch zu mir mit dreistem Munde:
»Sieh, ich bin glücklich,« dank' ich für die Kunde,
Doch drehe ihm den Rücken, weil ich sehe,
Er ist ein Narr, wo nicht ein Schuft, und immer
Prosaisch-nüchtern von der Stirn zur Zehe.
Gedankenmangel oder, was noch schlimmer,
Empfindungsmangel spricht er aus. Das Wehe
Scheint mir vielleicht im Ausdruck falsch und schief,
Doch immer liegt darin ein Adelsbrief.
Nur Der erhebt sich über das Gemeine,
Wer nicht mehr lächelt mit dem falschen Scheine.
Und das ist auch der Grund, warum kein Dichter
Aufsteht als dieser Zeiten strenger Richter:
Es fehlt die wahre wirkliche Empfindung,
Der faden Weltgelüste Überwindung.
Und da nun wieder Jeder
