 prophezeite. Noch hat
sich aus unsrer Mitte kein Führergenie erhoben, wie Goethe aus der älteren
Sturm- und Drangperiode, obwohl wir bereits einen Lenz in Mokamaute und einen
Klinger in Haubitz besitzen. Kollege Hartung mit seinen orientalischen Allüren,
die sich an Freiligrat geschult zeigen, fühlt sich dem Maler Müller verwandt
und in dem strengen Ernst des Didaktikers Edelmann ahnen wir den Herder unsrer
Epoche. Wer vermöchte Klopstock'schen Würdeschwung in unserm Freunde Max
Henkelkrug zu verkennen! Schiller'sches Patos atmet in Vielen, auch in unserm
gefeierten Dramendichter Herrn v. Alvers. Kurz, man dürfte sagen, dass die Rollen
verteilt sind, und die taufrische Blüteperiode einer neuen Klassicität nun
losgehn kann. Wie gesagt, nur der Goethe fehlt noch, aber sollte nicht Anno
Buchsbaum die Keime eines solchen in sich tragen? Und wenn uns auch Goethe und
Schiller versagt blieben, so wird doch hoffentlich unser großer einziger Lessing
neu erstehen in unserm Ambrosius Sagusch. Vivat sequens!
                                                                Der Herausgeber.
                                Max Henkelkrug.
                               Der Weltbefreier.
Der Satan führte mich im Traum
In der Versuchung Bergeswüste
Und zeigte mir den Weltenraum
Sammt allen Schätzen jeder Küste.
Ich lachte in erhabenem Hohn:
»Armseliger, was willst Du schenken?
Zaunkönignestlein - Kaisertron!
Der Adler soll die Schwinge senken?«
Hei, Pegasus, ins wilde Turnei!
Grimm sei Dein schneidiger Sporn!
Die Schranken der Sitte sprenge entzwei!
Hell schmettre der Freiheit Horn!
Die Geissel des Spottes in linker Hand
Und das Flammenschwert in der Rechten,
Den Popanz Wahn zu Boden gerannt!
Hinaus zum lustigen Fechten!
Fortreisst der Pegasus mich unaufhaltsam.
Auf, Flammen, mögt ihr prasselnd mich umwogen!
Der Ruhe Halfter sprengt mein Geist gewaltsam.
Nun, Myrmidonen, fürchtet meinen Bogen!
Die Sonnenrosse mögen mich zerschmettern.
Sei nur des Brütens Bann von mir genommen!
Der Aar saugt Lebenslust in wilden Wettern.
Verzweiflung und Martyrium, willkommen!
Ein heller scharfer Ton
Durchs Herz der Menschheit bebt,
Wie vor Posaunendrohn
Einst Jericho gebebt.
Ein Schauder wunderbar
Den Glücklichen ergreift,
Wie wenn ein lichter Aar
Ihm seine Locken streift.
Ein wilder Harfenklang
Um Schmerzverdammte schwirrt,
Wie Saite, die zersprang
Zerissen niederklirrt.
Ein Schrei, vor dem uns graut,
Im Herzen nimmer schweigt,
Wie klagend eine Braut
Sich auf die Walstatt neigt.
Ein Drängen unbekannt
In freien Seelen stürmt,
Wie wenn Gigantenhand
Den Berg zum Himmel türmt.
Dies Drängen und dies Sehnen
Verlässt die Menschheit nie
In Lächeln und in Tränen
Und heißt - die Poesie.
Seid ihr hin, ihr schönen Tage
Ohne Plage, ohne Klage,
Wo noch frisch mein Blut,
Wo ich glaubte, niederringen
Könne alles und erzwingen
Stolzer Jugendmut?
Mann und Greis in früher Jugend,
Ohne Laster, ohne Tugend,
Seltsam
