 einem schönen Weibe über solche Phantasterei. - Das alles, lieber
Graf, ist alt wie die Welt, alt wie die Welt. Warum sollte ich glücklicher sein,
als meine Altvordern?«
    »Nein und abermals nein!« Krastinik hob heftig beide Arme empor und
schüttelte sie. »Das kann nicht so geduldet werden. Sie Genie-Ungeheuer Sie! Wer
das ruhig mit ansieht, wie Sie hier bleicher und bleicher, stiller und stiller
hinsiechen auf Ihrer einsamen Klause - ich habe Sie fast niemals lächeln gesehen
-, Der macht sich derselben Todsünde schuldig, wie das Gesindel, das Sie
begeifert. Die oberflächliche Mittelmässigkeit sich auf dem Markte blähend - der
hohle Gemeinplatz-Bumbum eines Phrasendreschers wie dieser Alvers als
Hohepriestertum des hehren Idealismus weihestänkernd - und Sie, der Berufene,
immer noch ins Hintertreffen gedrängt, weil Sie kein geschniegelter
Süssholzraspeler und Ihre Werke zu hoch sind für den dummen Lesepöbel - - es
krampft Einem das Herz zusammen! Das ist die Sünde, welche nimmer vergeben wird,
die wider den heiligen Geist.«
    »Und grade diese begeht doch die Welt am häufigsten,« ergänzte Leonhart
ruhig. »Lieber Graf Krastinik, Sie sind der erste anständige Mensch, den ich im
Leben getroffen habe. Sie sind der Einzige, der die jämmerliche Eitelkeit dem
Höheren gegenüber, solange dieser nicht durch äußeren Erfolg gefeit ist, und den
kleinlichen Neid in sich bezwang. Seien Sie stolzer darauf, als wenn Sie eine
Batterie erstürmt hätten! Aber lassen Sie mich ruhig verbluten, mir ist nicht zu
helfen, weder so noch so. - Sehen Sie hier diese Briefe über mein Drama Die
Männer von Appenzell. O unsere Teaterdirektoren, diese Rotte von Verbrechern am
heiligen Geist!«
    Da hatte der Eine nach persönlicher Rücksprache mit dem Autor denn doch
entdeckt, dass dem Stücke der geeignete dekorative Hintergrund fehle. Ein andrer
beklagte den schnöden Realismus, ein andrer den abgestandenen Idealismus des
Werkes. Einer konnte es aus Rücksicht auf sein Hofteater, ein Andrer aus dito
Rücksicht auf sein liberales Publikum nicht aufführen. Und doch war das Drama
weder conservativ noch liberal, weder idealistisch noch realistisch, sondern
einfach erhaben, schlicht und groß. Es behandelte den heldenhaften
Freiheitskampf der Appenzeller gegen Österreich und die ganze Ritterschaft des
Rheingaus und Tyrols unter dem Florian Geier dieses Bauernkrieges, dem wackeren
Grafen Werdenberg, der seinen Titel ablegte und brüderlich den Bauernrock anzog.
Mit herzerwärmender Frische und Kraft war die naive Begeisterung des
Alpenvölkchens geschildert, das nach Niederwerfung aller vornehmen Feinde zu
Haus von seinen Bergen ins Deutsche Reich einfällt, um die Welt zu befreien -
die Welt, von deren Größe sich solche Herzenseinfalt recht nebelhafte Begriffe
macht. Mit ergreifender Wehmut entwickelte der Dichter dann, wie diese naive
Sehnsucht nach Menschenverbrüderung sie
