 ebenso wie vorhin Schmoller's
spitzer Katerschnurrbart, sträubte sich ordentlich vor Wut.
    »Nimmt Dich überhaupt noch Jemand Ernst? Du scheinst Dich immer noch nicht
bessern zu wollen, Du richtiges kleines Kind. Wenn ich so wenig vom Leben wüsste
wie Du -!«
    Leonhart stieß ein unartikulirtes Fluch-Grunzen aus. Er weinte beinahe vor
Zorn. Als Korrespondent eines großen rheinischen Blattes hatte er Jahre lang in
Paris und London gebummelt und sollte den schnöden Vorwurf der Unschuld über
sich ergehen lassen? Schmoller ließ ihn jedoch nicht zu Worte kommen: »Nu aber
bitte weiter im Text!«
    »Du hast's gewollt, George Dandin!« In seiner masslosen Empörung sprudelte
jetzt der geknickte Transcendental-Realiste über alle Schranken weg. Seine
absolute Gerechtigkeitsliebe ging unter in dem Sturzbad seiner nervösen
Erregung. Wohlan! - Alles, was in meinen schwachen Kräften stand, bot ich auf,
um ihm zu nützen, wo ich konnte. Dies belohnte er stets mit dreister Stichelei
hinter dem Rücken, trotzdem seine Briefe von Versicherungen seiner Verehrung
strotzten. Hier in die Details zu gehen, wäre peinlich über alle Massen.
Hervorheben aber möchte ich die kühne Frechheit, die fast aus Irrenhaus streift,
mit welcher Herr Schmoller andere anklagt, wenn er dieselben schändlich
misshandelt hat, und noch den moralisch Entrüsteten spielt.
    »Aus meinen Erfahrungen würde ich daher folgende Charakteristik des großen
socialen Romanziers zu liefern haben.
    Er war wie ein Weib. Je mehr man ihn poussirte, desto patziger und innerlich
gleichgültiger wurde er. Setzte er seinen Cylinder ab und stülpte einen
Kalabreser auf, so veränderte sich gleichsam seine ganze äußere Erscheinung. Er
sah dann viel bedeutender und zugleich gefährlicher aus. Zaghafte Naturen
mochten ihm dann wohl ungern allein im Walde begegnen. Man traute ihm zu, dass er
seinem besten Freund plötzlich einen Dolch in die Nippen bohren könne mit dem
Ausruf: Die Börse oder's Leben!
    Es harmonirte damit, dass er immer grossspurig darauf hinwies, wie Leute, die
von christlicher Liebe schwatzten, nichts täten, zumal für einen Mann wie Ihn,
und in Wahrheit in der Welt nur der rohe manchesterliche Grundsatz herrsche:
Stirb Du, damit ich lebe! Nun, er musste es ja wissen, da dies sicherlich sein
heimliches Prinzip sein mochte.
    In seiner schwarzen Seele spiegelten sich alle Menschen pechrabenschwarz.
Denn die Welt ist nur ein Spiegel: Was hereinschaut, schaut heraus. In Folge
dessen brachte er das Kunststück fertig, sich in einer Welt von Schurken, die er
sich ausmalte, als verfolgter Biedermann zu fühlen. Diese Schwäche und
Beschränktheit des Menschen beschränkte auch seine Begabung. Wo er wild,
trotzig, grimmig und vor allem, wo er boshaft die Feder schwang, war er groß
