 Todtlachen. Noch nicht ins Leben hineingespuckt
haben sie alle und glauben wunders was Großes zu vollbringen, wenn sie ihre
kleinen Schäferstündchen lecker beschreiben! Wenn man nicht in Fabriken
aufgewachsen ist, darf man überhaupt keine socialen Romane schreiben.
    »Sociale - hm, in diesem Sinne, ja! Dann hätte aber auch Zola bis auf
Germinal nichts geleistet. Nein, nein, es regt sich doch allerorts ein sehr
gesundes Streben. All diese neuen Unternehmungen und Bestrebungen, systematisch
Stück für Stück das moderne Leben, speziell dasjenige Berlins, zu zergliedern
auf der Grundlage einer wahren Anschauung der Dinge, sind an sich schon
achtungswürdige heilsame Zeichen der Zeit. Mag auch das Dichterische in solchen
Versuchen noch einer beträchtlichen Steigerung bedürfen, mag auch der Realismus
noch etwas romantisch und zufallmässig gefärbt sein, - nur entschlossen weiter
auf dieser Bahn! Dem Mutigen hilft das Glück. Es muss durchaus mit der
Süssholz-Literatur aufgeräumt werden und der Schmerz des wirklichen Lebens die
Kunst beherrschen. Solche Kunst allein kann sittlich wirken, da nur sie den
Menschen lehren kann, sich über die Wirklichkeit entsagend oder beherrschend zu
erheben. Die akademische Lügenkunst wirkt entsittlichend, indem sie ein
entstelltes, optimistisch gefärbtes Bild des Lebens bietet, durch dessen
Betrachtung der Ekel an der brutalen Wirklichkeit höchstens gesteigert werden
muss. Nicht die Dinge verschönern, sondern sie verstehen ist gesund. Schön ist
allein die Wahrheit. Wahr aber ist nicht nur das relativ Hässliche, sondern auch
das relativ Schöne. Der Realismus unsrer heutigen colorirten Photographieen in
der Malerei ist weit entfernt von dem gesunden elementaren Realismus der
Renaissance-Meister. Und Zola ist noch lange kein Shakespeare. Heutzutage
herrscht eine so trostlose Begriffsverwirrung, dass man kaum mehr weiß, was unter
Idealismus und Realismus eigentlich zu verstehen sei. Wenn Einer geleckte
Sonette drechselt oder hochtönenden Jamben-Bumbum ausspeit, heißt er ein idealer
Dichter. Und wenn ein genialer Neuschöpfer in seine idealen Konceptionen
sachgemässe Cynismen verwebt, heißt er ein schmutziger Zolaist.«
    »Hahaha, so nennen sie uns Beide ja auch!« lachte, Schmoller auf, indem er
innerlich dachte: Na, auf Dich passt's ja auch. Und die Idealisten - hoho, die
muss man mal bei Lichte besehen.
    »Ganz richtig. Idealist sein bedeutet heut: auf die Vorurteile und den
Tagesgeschmack spekuliren. Christus hieße womöglich: Ein polternder Realist.«
    Beide schritten der Dresdener Straße zu. Man wollte dort mehrere
socialdemokratische Führer in einer Kneipe treffen, mit denen Schmoller einige
Bekanntschaft pflog. Aus weiser Vorsicht kokettirte er nebenbei auch so lange
mit den Christlich-Socialen, bis er deren Treiben kaustisch durch die Zähne zog.
Denn Abwechselung muss sein. Er mokirte sich zugleich über Beide.
    Als man jedoch an dem Rendezvous-Ort anlangte
