 der drei kostbare Jahre seines
Lebens dem Erlernen dieser spartanischen Moral geopfert hat, zeigt sich in der
nächsten Zeit nach seiner Entlassung nicht pflichteifriger, sondern weit
arbeitsunlustiger wie früher: Er hat für die Gewerbe des bürgerlichen Lebens,
also für seinen Beruf und Unterhalt den Geschmack verloren. Sogar bei den
Einjährigen zeigt sich nach übereinstimmenden Aussagen nach ihrem Zurücktritt
ins Civil zuerst eine unüberwindliche Arbeitsscheu und Hang zum Bummeln. Ganz
auffallend aber ist die durchgängige Verrohung der Sitten, Gewalttätigkeit und
Brutalität in Wort und Tat, bei dem sonst ruhigen Charakter des Deutschen,
welche nach jedem Krieg in der Masse, nach jedem Erfüllen der Dienstpflicht bei
den Reservisten hervortrit. Begreiflich! In welcher moralischen Sphäre hat der
Soldat sich so lange bewegt! Rechtes Arbeiten, d.h. geistiges oder
handwerkliches, hat er total verlernt. Dafür ist er gewöhnt, auf lauter
Aeusserliches zu achten, und empfindliches Ehrgefühl als gar nicht vorhanden
anzusehen, da die pöbelhafte Rohheit in Worten und Taten seine tägliche
Umgangs-Nahrung war. Während der Krieg selbst die männlichsten und hehrsten
Gefühle und zugleich alles Bestialische der Menschennatur erweckt, impft der
Soldatendienst im Frieden der Seele nur die schändlichsten Empfindungen und
Gesinnungen ein: Knechtssinn, mit all seinen Abzweigungen (allerdings eine
würdige Vorbereitung für manche amtliche Abstumpfung des Ehrgefühls),
Gleichgültigkeit gegen das physische und moralische Kränken des Nebenmenschen,
allgemeine Brutalität der Gesinnung. - Verzeihe man diese erneute Betonung des
schon früher Gesagten!
    Der Vertreter dieser herrlichen Schule echtdeutscher Gesinnung ist eben der
Unteroffizier, dieser erlauchte Zuchtmeister und Erzieher von Gottes Gnaden -
dieser rohe, freche, knechtische Charakter der zugleich in unsere reine,
preußische Luft den moskowitischen Wohlgeruch einer staatlich tolerirten, groben
Bestechlichkeit hineinträgt. Wahrlich, ein staunenswertes Denkmal unserer
Triumphe!
    Sollen sich diese von Jedermann privatim vertretenen, aber aus guten Gründen
öffentlich nur in flagranten Fällen von Rohheit besprochenen Ansichten etwa
gegen die allgemeine Dienstpflicht richten? Mit Nichten. Es wäre komisch, so
lange Europa sich in Waffen gegenübersteht, daran rütteln zu wollen. Die stets
mit jeder neuen Session neu auftretenden Forderungen der Liberalen zielen
einfach auf gänzliche Reducirung der Dienstzeit hin, bis dieselbe auf das
gebührende Maß von Bürger-Aufopferung herabgeschraubt werden wird - d.h. auf die
Hälfte der bisherigen. Vor allem aber wird und soll einmal Ernst gemacht werden
gegen den unerhörten Schandfleck der Armee, gegen das in ein unzerbrechliches
System gebrachte Unteroffiziertum. Denn nicht in den Misshandlungen, die solcher
Auswurf sich gegen den Bürger erlaubt und nachher, wenn als Schutzleute in den
Polizeidienst übergegangen, fortsetzt, liegt das eigentlich Gefährliche dieser
Landplage. Nein, sondern die Betrachtung, dass ein auf der untersten Stufe des
Geistes und der Moral stehendes Individuum die staatlich patentirte Berechtigung
haben soll, die bestialischen Neigungen seiner gemeinen Seele jahrelang
