 schlechten Truppen und Offizieren siegt
ein guter Feldherr über gute Truppen und Offiziere unter einem schlechten
Feldherrn. Das ist beinahe selbstverständlich.
    In Anerkennung dieser Tatsache gehen die heutigen Offiziere sogar so weit,
dass sie schon die bloße Energie ohne Talent im Oberbefehl für genügend achten,
mit schlechten Truppen Gewaltiges zu leisten. Sie verehren Gambetta, dessen
Organisationstalent einfach auf rücksichtslos durchgreifende Brutalität sich
beschränkt. Goltz und York erklären geradezu, Gambetta habe in seiner Art
wenigstens die Hälfte eines großen Feldherrn repräsentirt - Gambetta, der
prahlende Charlatan, der schwatzhafte Advokat, dem notorisch selbst die
Anfangsgründe militärischen Wissens fehlten, der nicht mal ein Dilettant,
sondern ein einfacher Laie genannt werden muss! So leicht ist es nach Ansicht von
Fachmilitärs, ein genügend großer Heerführer eines großen Volkes zu werden,
falls man nur überhaupt über das Durchschnittsmass der Intellekte hinwegragt! Wie
viele Gambettas unter Parlamentarien verborgen schlummern, die nur der Zufall
nicht begünstigt - wer weiß es!
    Wirklich meint ja auch Karlyle, dass im Grunde alles wahre Genie eins und
unteilbar sei, dass Shakespeare der größte Staatsmann, Burns der größte Redner
und Reformer u.s.w. geworden wären. Und jedenfalls steht fest, dass die wenigen
großen Feldherrn, welche uns die Geschichte zeigt - Cäsar, Napoleon, Cromwell,
Friedrich der Große, - nicht durch Selbstbestimmung, sondern durch die Gewalt
der Umstände Feldherrn wurden und in allen möglichen andern Gebieten sich
zugleich versuchten, wie denn nach Napoleons und Friedrichs Vorgange auch unser
Moltke stark litterarische Neigungen aufweist. Alle großen Feldherrn, ohne jede
Ausnahme, wurden große Feldherrn, weil sie überhaupt große Männer waren, und
jeder bildete sich selbst ohne alle Schule durch eigene Denktätigkeit und
Initiative zum Feldherrn aus. Die »militärische Erziehung« hat also auf das
wichtigste Moment des militärischen Erfolges: die Feldherrnerzeugung, nicht den
geringsten Einfluss. Sie könnte hier höchstens schädlich wirken, da ihr
Grundprinzip, das Nivelliren, die Eigenart niederdrückt und das Prinzip der
geduldigen Unterordnung, des Avancements nach Anciennität, das Aufkommen des
Genies ohnehin hindert. Daher sind Revolutionszeiten (siehe die französische
Revolution, den amerikanischen Befreiungskrieg und später den Secessionskrieg)
die wahren Pflanzstätten militärischer Begabung, während die berühmte
»militärische Erziehung« nur entweder Teoretiker oder Gamaschenhelden erzeugen
kann.
    Wir fragen also nochmals zum Schluss: hat der Größenwahn des neudeutschen
Militarismus das Recht, sich mit solcher Wichtigtuerei als Hauptfaktor der
Volkserziehung aufzuspielen? Wir antworten mit einem kräftigen: Nein.
    Das Soldatentum ist auf lange Zeit hin ein notwendiges Übel und wir
nehmen den Offizier mit stiller Resignation als ein unabänderliches Utensil der
sittlichen Weltordnung mit in den Kauf. Doch dem Offizier zu den großen äußern
Vorrechten seiner Stellung auch noch ein ideales Piedestal zu errichten - diese
Zumutung lehnen wir ruhig, aber entschieden ab.
    Leonhart
