 Kann
man sich das Lachen verbeissen, wenn man, einige Sätze des deutschen
Ausbildungs-Reglements citirend, ernstlich davon redet, dass die Militärerziehung
auf dies wichtigste Moment Rücksicht nehme?! Das ist des Spasses, und der -
Selbsttäuschung genug!
    Ja, sehr richtig heißt es in den Vorschriften der Militärerziehungsmetode:
»Eine äußere, wesentlich nur durch Übungen im Ganzen erzielte Zusammenfügung
der Truppe wird bei unerwarteten Ereignissen nicht vorhalten und die Disziplin
nur dann ein festes dauerndes Band für das Ganze abgeben, wenn sie auf dem
Bewusstsein basirt, dass im Ernstfall der Erfolg von der Erhaltung des durch den
Führer geleiteten Zusammenwirkens abhängt.« Das sind goldene Worte und Erfahrung
bestätigt sie.
    Die preußische Armee von 1806 besaß ein treffliches Offizierkorps in den
subalternen Chargen und eine wohlgedrillte Armee, die mit ihrer veralteten
Lineartaktik so lange wacker schlug, bis die elende Oberleitung jeden Widerstand
gegen den besser geführten Feind unnütz machte. Hätte sie aber jene innere
Einsicht, jenes feste dauernde Band des bewussten Zusammenwirkens besessen, so
wäre von einer so beispiellosen Auflösung des gesammten Heergefüges keine Rede
gewesen.
    Im Befreiungskriege aber leistete nachher die preußische Armee Unerhörtes,
trotzdem sie zum größten Teil aus Landwehren und das Offizierkorps der Linie
wesentlich aus denselben Elementen bestand, die früher bei Jena so schlecht
bestanden hatten. Die französischen Truppen mit ihren Veteranenoffizieren waren
technisch überlegen. Aber diesmal war die preußische Oberleitung eine glänzende,
und das innige moralische Zusammenwirken der Gemeinen und Offiziere ergab sich
aus dem gleichmäßig alle durchlohenden Patriotismus.
    Es ist also immer der moralische Faktor, die Idee, die siegt - falls sie nur
einigermaßen praktisch unterstützt wird. Wie aber soll in gewöhnlichen
Zeitläuften durch Militärerziehung dies moralische Element erzielt werden, da
weder Offiziere noch Unteroffiziere darauf ausgehen, sich die Liebe ihrer
Untergebenen zu erringen?
    Nach dieser Theorie würden ja die Chancen des nächsten deutsch-französischen
Krieges ungünstig für uns stehen. Denn wie 1870 die technisch ebenbürtige,
besser bewaffnete Streitmacht Frankreichs zertrümmert wurde, weil man ein
einmütiges Zusammenwirken der Deutschen durch begeisterte Vaterlandsliebe
erreichte - so scheinen die Franzosen diesmal diejenigen, welche ein einmütiges
bestimmtes Ziel haben, während in Deutschland kein Mensch einen ersehnbaren
Wunsch und Zweck dabei im Auge hat. Aus diesem Grunde siegen ja oft schlecht
bewaffnete ungeübte Haufen in Revolutionskriegen über die ältesten Truppen. Denn
wer siegen will und das Leben für nichts achtet, der muss siegen. Diesen Geist
kann aber wahrlich keine Erziehung und am wenigsten die militärische, wie sie
bei uns getrieben wird, erzeugen!
    Wir haben aber oben noch einen andern Punkt berührt, wir sprachen von der
Oberleitung. Und da ergibt sich denn für den Kundigen wiederum die
Lächerlichkeit des Offiziersdünkels an sich. Denn nicht die Tüchtigkeit des
Offizierskorps entscheidet im Kriege, sondern lediglich die geistige
Beschaffenheit des Oberkommandos. Mit
