 gelehrten Verfasser der Leutnant der wahre
Erzieher des deutschen Volkes, während unsere ganze sonstige Erziehung
ungenügend und schädlich wirkt. Den letzteren Teil seiner Prämissen mag ich
durchaus nicht befehden. Der deutsche Schulmeister leidet eben an dem gleichen
Unfehlbarkeitsdünkel wie der »militärische Erzieher« und es scheint daher nur
ergötzlich, wenn der Letztere durch seine gewichtige Autorität die Feinde des
bestehenden Erziehungssystems verstärkt. Diese Frage interessiert uns ja aber
hier nicht, sondern nur die, welcher moralische Nutzen denn eigentlich durch die
militärische Erziehung, d.h. die allgemeine Wehrpflicht, bewirkt wird. Es ist
mindestens zweifelhaft, ob die dreijährige (in Frankreich noch längere)
Entziehung der besten physischen Kräfte aus dem eigentlichen produktiven Kampf
ums Dasein nationalökonomisch günstig zu nennen sei. Es ist zweifelhaft, ob
wirklich eine Kräftigung der physischen Gesundheit durch das »Dienen« erzeugt
wird, die im Verhältnis zu dem enormen Zeit- und Müheaufwand steht. Vermutlich
würden Arbeiten in frischer Luft oder Reisen oder Sport in einem Viertel der
Zeit hier wohltätiger wirken, da die tausend ungesunden Nebendinge des
Kasernenlebens, sowie die Überanstrengung und die fortwährende Unruhe oder gar
Angst sehr störende Beigaben des Soldatenlebens scheinen. Turn-, Fecht- und
Schiessklubs dürfen Gewandtheit und Handhabung der Waffen vielleicht leichter
lehren, als die Hudelung des Unteroffiziers es bewerkstelligen kann.
    Doch halt, alle Unannehmlichkeiten des Soldatenleben sollen ja eben den
Charakter stählen. Den Charakter! Kann man von Charakter überhaupt noch reden,
wo die Grundlage jeder Charakterfestigung, nämlich freier Entschluss und eigene
Initiative, von vornherein ausgeschlossen sind? Der »Dienst« soll die große
Tugend des Gehorsams einpflanzen. Nun unterschätze ich diese Tugend nicht. Alle
Vereinigungen, heißen sie nun Staat, Heer, Privatverein, können sich nur halten
durch Gehorsam gegen das Höhere, den allgemeinen Zweck. Dieser Gehorsam aber ist
das legitime Kind des freien Willens, der freien Erkenntnis, während der vom
Militär geforderte Gehorsam der des Sklaven ist. Würde dieser Gehorsam wirklich
als unauslöschliche Tugend durch die allgemeine Wehrpflicht eingeimpft, so
könnte dies nur widerliche und traurige Folgen haben. Ein solcher Gehorsam fügt
sich in keiner Hinsicht dem modernen Bürgerleben ein; er wird dort nicht
verlangt und wäre nur vom Übel. Nur im sogenannten »Staatsdienst« kann er von
Nutzen sein und wirklich blühen ja Streberei und Knechtssinn dort täglich
herrlicher auf. Diese hohe Tugendlehre der militärischen Erziehung mag daher
einem Absolutisten erhaben, einem modernen Menschen aber muss sie als
verächtliche Untugend erscheinen.
    Ich leugne auch, dass diese zweifelhafte »Subordination« (die nur im
Armeewesen Berechtigung hat) irgend Jemandem für sein späteres Civilverhältniss
eingeprägt werde. Die Naturen sind eben verschieden. Der größte Militär
(Napoleon) hat direkt gesagt: Nach seinen Erfahrungen sei der Satz »Wer
herrschen will, der muss erst dienen
