 diese Einseitigkeit ein notwendiges Erfordernis des menschlichen
Denkvermögens sei. Am höchsten stehen daher diejenigen Geistesrichtungen, welche
die umfassendsten und wenigst einseitigen ihrem Wesen nach sein müssen: Poesie
und Philosophie. Wenn sich denselben technische Künste, Musik, Malerei u.s.w.
ebenbürtig zur Seite stellen möchten, so bleibt dieser harmlose Größenwahn ohne
schädliche Folgen und gleichsam in der Familie, obgleich er die in Deutschland
grassirende Ehrfurchtslosigkeit vor der Dichtung natürlich verstärken hilft.
Aehnlich steht es mit der Überhebung der exakten Naturwissenschaften. Jedoch
dies sind alles nur teoretische Fragen, die wenig ins praktische Leben
einschneiden. Anders aber liegt der Fall, wenn ein bestimmter Stand mit
dünkelhaftem Kastengeist sich über alle andern erheben will, wie dies ein altes
Vorrecht des Kriegerstandes ist. So lange die Welt im Altertum und Mittelalter
wesentlich auf dem Kriegszustande fusste, mochte dies angehen. Heut aber in der
neuesten Zeit darf dies natürlich auf die Dauer nur dann möglich beiben, wenn es
gelingt, die Soldateska mit einem Schleier des Idealismus zu umweben und sie
auch geistig als führendes Element hinzustellen. Dies ist denn auch der Zweck
der vorliegenden Schrift.
    Der Dichterknabe Chatterton hat das berüchtigte Wort gesprochen, dass er den
Intellekt eines Mannes gering achte, der nicht zugleich von zwei
entgegengesetzten Seiten her ein Thema behandeln könne. So wollen wir denn
wahrlich nicht mit den einseitigen Sophismen ins Gericht gehen, mit denen man
einer an sich möglichst unidealen Tatsache die idealsten Seiten abzugewinnen
sucht.
    Man beginnt dabei mit Ausfällen gegen die Schwärmereien der Friedensliga von
einem »ewigen Frieden«. Es ist stets das sicherste Mittel, das denkfaule
Philistertum für sich einzunehmen, wenn man die Gegner als unpraktische
Idealisten hinstellt. Nun sind aber alle ideal schöpferischen Geister stets
eminent positiv angelegt, wie denn z.B. zu einem großen Dichter der
durchdringendste, schärfste Verstand und realistische Weltkenntnis gehören.
Vermöge dieser überlegenen Verstandeskräfte sind solche wahren »Idealisten«
daher befähigt, die komische Ideologie der Utilitarier, den Fanatismus der
Materialisten, zu durchschauen. So sagt Goethe das treffende Wort über den
großen Anti-Ideologen Napoleon: »Er, der ganz in der Idee lebte, konnte sie doch
im Bewusstsein nicht erfassen; er leugnet alles Ideelle durchaus und spricht ihm
jede Wirklichkeit ab, indessen er es eifrig zu verwirklichen trachtet.« Und wenn
auch dieser Satz nicht auf unsre Militairpropheten passt, so werden wir doch
daran erinnert, wenn sie umgekehrt die spasshafte Absicht verraten, dem
Roh-Realistischen das Ideelle unterzuschieben.
    Zuvörderst stellen all diese Gesinnungsgenossen die Theorie vom »ewigen
Krieg« auf, die sich angeblich auf Darwins »Kampf ums Dasein« stützen soll. Nun
ist es keine Frage, dass in den Urzeiten der sogenannte »Kampf ums Dasein« mit
dem Kriegszustand identisch war. Gleichwohl
