 Fleißes, statt diese zur Weiterförderung seiner
eigenen Laufbahn zu verwenden, dem Lüderlichen und Faulen in den Rachen wirft,
scheint ein Sünder gegen sich selbst. Jeder gutmütige Mensch sammelt eine
zeitlang Erfahrungen dieser Art. Dann tritt der Rückschlag ein und jeder
Pump-Brief wird als verschleierte Erpressung aufgefasst.
    Und im literarischen Leben läuft die Sache auch immer darauf hinaus. Eine
»Anleihe« bedeutet Anerbieten der Bestechung. Setzt sich doch das litterarische
Leben hinter den Kulissen nur aus Bestechung und Händewaschung zusammen. Daher
endeten auch die Pump-Circulare der Waffenbrüder Haubitz und Edelmann mit dem
steten Postscriptum: Sie würden sich übrigens revanchiren, indem sie in den
ihnen nahestehenden Blättern eine empfehlende Recension über den geehrten Herrn
Kollegen brächten. Um jedoch ganz gerecht zu bleiben, muss zugestanden werden,
dass sie dies schöne Versprechen niemals hielten oder höchstens in Erwartung
eines neuen Darlehns. Hierin zeigte sich eben wieder ihre vornehme Gesinnung,
die unausrottbare. Tribut empfangen darf der Messias, aber andere loben - nun
und nimmermehr. Das wäre doch eine gar zu schnöde Verletzung seiner Integrität.
    Es gibt kaum etwas Trostloseres, als das Loos eines armen Aristokraten. Und
nun gar, wenn man an seine Armut nicht glaubt. Fortwährend spielt er eine
falsche Rolle.
    Auf der einen Seite verstärkt es das Ansehen und dadurch den Erfolg eines
Menschen, wenn man ihn für vermögend hält. Auf der andern Seite setzt er sich
der Gefahr aus, von Jedermann angepumpt zu werden. Entspricht er diesem
Vertrauens-Wechsel auf sein angebliches Vermögen, so begeht er einen
Leichtsinnstreich. Entspricht er ihm nicht, kommt er in den Ruf eines gemeinen
Geizhalses.
    Jetzt wurde es Krastinik innerlich klar, warum Leonhart jeden Versuch
übergrosser Familiarität, wenn ihm z.B. der Graf vertraulich über seine
Verhältnisse Aufklärungen gab, mit kühler Reservirteit ablehnte. Wenn er sonst
wohl einfach »Krastinik« gesagt, wendete er dann plötzlich die steife Redeformel
»Herr Graf« an. Krastinik begriff diesen wahren Stolz, welcher stets die äußeren
gesellschaftlichen Schranken berücksichtigte und den bekannten Anwandlungen von
Liberalismus-Verbrüderung, die grade den hochmütigsten Aristokraten oft
belieben, nur ein ablehnendes Lächeln entgegenbrachte.
 
                                      II.
Die Wirtin des »Café Liedrian« (unechter Wein und echte Mädchenbedienung) in
der Dresdenerstrasse, Helene Meyer, erwachte erst spät am Nachmittag. Sie hatte
erst um 7 Uhr Morgens ihre Champagnergäste, einen ungeschlachten Fabrikbesitzer
mit Millionärs-Allüren und einen freiherrlichen Rittmeister in Civil, gehörig
ausgerupft und nach einem Gratis-Morgencafé entlassen. Nach so schwerer Arbeit
verschlief sie denn auch den ganzen Tag.
    In ihrem Zimmer sah es immer aus, als ob Geburtstag wäre. Auf einem
Marmortisch zu Füßen des Bettes stand ein Aquarium mit Goldfischen, fünf an der
Zahl. Auf einem anderen Tisch ein
