, er wusste es nicht klar. Aber sein
Lebensglück, sein Leben für immer verloren, verdorben. Diesen Ekel, diese
Verachtung, diese grässliche Selbsttäuschung überwand er nicht. Einen Augenblick
dachte er ernstlich nach, ob er nicht ins Wasser springen solle. Es war damals
Mode in Jung-Berlin, sich wegen Durchfall im Examen oder Schuldenmachen rundweg
ins Jenseits zu befördern - eine wahre Manie, die sich bis auf die überbürdeten
Tertianer der Gymnasien hinab erstreckte.
    Aber seine geistige Natur war denn doch zu nervig auf Selbstgefühl erbaut
und sein Größenwahn kam ihm zu Hilfe. Er verzweifeln wegen eines solchen
Geschöpfes? Pfui! Lächerlich! - - Er fand sich richtig zur Charlottenburger
Pferdebahn quer durchs Wäldchen nach rechts hinüber, die ihn nach Berlin
zurückbrachte.
    Wie lange war das Alles vergessen! wie lange war diese erste Jugendflamme
des Narrenherzens, nachher eine glänzende Ballkönigin, die eine ihrer würdige
»große Partie« machte, seiner Erinnerung entschwanden! Seltsam, dass er heut so
klar an das Alles dachte, als wäre es gestern gewesen. War es nicht symbolisch
gewesen für sein ganzes Leben? Eine mimosenhaft zarte Natur wie die seine konnte
nur bestimmt sein, sich ewig zu täuschen und getäuscht zu werden. Das
Naturgesetz, das in des Menschen Wesen bei seiner Geburt gelegt, entwickelt sich
logisch fort in tausend Varianten.
    So gleiten die Tage spurlos dahin in Lebenshass und Todesfurcht, sie häufen
sich hinter uns wie welke Blätter, wie schemenhafte Nebel. Wir fühlen das
Naturgesetz, dass die Tugend sich selbst belohnt, und fröhnen dennoch dem Laster,
um die entnervende Langeweile abzuschütteln. Wille? Selbstwiderspruch ist das
einzige Unrecht. Warum hat die Natur uns unglückliche Schufte und schuftige
Unglückliche zur Sünde erzeugt, und straft uns hinterher, weil wir dieser
Bestimmung folgen? Warum lauert der Vampyr des Überdrusses über dem
Schlangensumpf der Begierden. Arbeite! Was? Warum? Ja, so erbärmlich ist unser
Loos, dass der Fluch Adams unser einziger Segen scheint - eine Art Opium, um den
Dämon des Gedankens zu betäuben, der uns umherjagt wie einen Verbannten, der
sein Exil und sein Urteil in sich selber trägt. - -
    Es gibt Momente, wo das Gefühl des Schmerzes zu massloser Ungerechtigkeit in
Beurteilung der Mitmenschen und überspannter Geringschätzung des gesammten
Aussenlebens, der Sansara, führt. Ein Abgrund scheint sich plötzlich vor dem Auge
des Denkenden zu öffnen: die Nichtigkeit menschlichen Strebens, die Eitelkeit
menschlicher Genüsse grinst dem menschlichen Geist entgegen, der zurückschaudert
wie der Basilisk bei seinem Anblick im Spiegel. Graue Wüsten ohne Palmen der
Schönheit und Quellen der Reinheit dehnen sich endlos umher, die Oase der Liebe
ist vom Samum der Leidenschaft verschüttet und Bülbul Poesie scheint eine
geschwätzige Elster. Das ist der Abgrund des ewigen Weltwehs - der
