 versinken, alle
Schatten verschollener Leiden quellen aus dem Hades empor und geben dem Kiel
Geleit als nächtige Schatten. Man fühlt sich sturmverschlagen.
    Der kraftstrotzende überfütterte Holsteiner, der aussah, als sei die Seele
von tausend verspeisten Ochsen und Hämmeln in ihn gefahren, mochte gut
versichern, dass er jährlich zehnmal hin und herfahre auf der berüchtigten
Seeroute Hamburg-Christiania. Schon bei der Mittagstafel hatte er durch seinen
urwüchsigen Appetit nicht mehr zur Nacheiferung anspornen dürfen. Jetzt lag er
wie ein Erschlagener in seiner Koje. Auch der gelehrte Bremenser, der prahlte,
dass er als echter Sohn des Meeres wider alle Neptunische Tücke gefeit sei,
brachte schon lang dem Poseidon beträchtliche Opfergaben.
    Es schaukelte etwas, die See ging hoch. Eugen aber, am Steuerbord auf ein
Pack Taue hingelagert, plauderte gemütlich mit seiner Zigarre von alten
stürmischen Fahrten, wo der Wind rauer pfiff als heut und seine Seele hochging
in dunkeln Wogen, die jetzt gleichgültig ermattet. Die scharfe Kühlung drang
durch sein Plaid, durchsiebte seine Haare und wusch ihm die Augen klar. O welche
Frische, welche stählende Reinheit! Wenn das taktmässige Aufrauschen der
zurückgeschleuderten Wogen, die der Kiel durchschneidet, durch die Nacht ertönt,
dann brauste eine ungeahnte Kraft in seinem Innern empor. -
    Katis musterhafter Magen hatte die erste Anfänger-Beklommenheit, leichtes
Unwohlsein mit Kopfschmerz, überwunden und marschirte stramm an Deck hin und
her.
    Ein Schiff stellt bekanntlich eine Welt im Kleinen dar, jede Schiffahrt
scheint ein Abbild des Lebens. Die Freuden gering und zweifelhaft als da sind:
gute Luft, Essen, Trinken und Nichtstun - die Schmerzen dafür um so
unzweifelhafter, und dem Rest der Glücklichen, die von der Seekrankheit
verschont bleiben, wird als Ersatz eine unersättliche Langeweile zu Teil. Auch
die Glocken erinnern an die Abschnitte des Erdenwallens, an Tauf-, Hochzeits-
und Sterbeglocken - hier Frühstücks-, Mittags- und Vesperglocken genannt.
Dazwischen noch »Schiff in Sicht«, allerlei Kommandorufe und die eintönigen
Schläge, welche die Zahl der Schiffsstunden verkünden. Ach, nur der Haifisch
versteht die Qualen eines seefesten hungrigen Magens an Bord zu würdigen. Die
öde gähnende Wasserfläche scheint ein ähnliches Vacuum im menschlichen Innern zu
erzeugen. Der Magen zeigt eine Geräumigkeit sondergleichen - wieviel Ballast man
auch in seine elastische Ausdehnung stopfe, er scheint niemals zufrieden und für
alles dankbar, Verdauliches und Unverdauliches, Gewohntes und Ungewohntes.
    Kati entwickelte eine feurige Hinneigung zu Hummersalat, weil derselbe
durch seinen hartnäckigen Widerstand gegen Verdauung doch wenigstens eine
dauernde Füllung bewirkt. Gekochte Steine wären einem jugendlichen Magen »zur
See« grade recht.
    Der Mond ging auf. Er hatte eine karmoisinrote Färbung, welche sich
allmählich ins Violette, dann ins Safrangelbe, dann ins Olivenfarbige verlor,
bis er auf einmal
