 Das ist etwas viel.«
    »Bedaure. Meine Werke bilden in sich ein System, ein zusammenhängendes
Gebäude. Lassen Sie eins aus, haben Sie nicht mehr den ganzen Dichter.«
    Krastinik schwieg einen Augenblick. »Bien, werde Ihren Rat befolgen. - Nun
sagen Sie mir aber mal offen: Was halten Sie von der literarischen Gesellschaft
Berlins?«
    Leonhart antwortete nicht. »Ah, hier sind wir vor Ihrem Logis, Herr Graf,«
sagte er ausweichend. »Gute Nacht.«
    »Oho, so entkommen Sie mir nicht. Was halten Sie z.B. von Dr. Adolf
Kratzental?«
    »Hm!«
    »Und von Herrn voll Schnapphahnitzkoi und von Doctor Gottold Ephraim
Wurmb?«
    »Sie meinen kurzum, von der ganzen Blüte unsrer Journalistik und
Geschäftsfabrikantenlitteratur?« Leonhart drückte dem Grafen die Hand zum
Abschied und entfernte sich eilig mit großen Schritten, nachdem er das eine
bedeutungsvolle Wörtchen geflüstert: »Dreck!«
                »Hochverehrter Meister,
    Gestatten Sie, dass ich Sie so anrede! Ich bin noch ganz außer mir! Gestern
Abend habe ich die Lektüre Ihrer sämtlichen Werke geschlossen und bin noch weg
und paff davon! Ich wollte Ihnen nicht eher schreiben, bis ich Alles verdaut
hatte. Ja, alles! Sofort, am andern Morgen nach unserm Gespräch, machte ich mich
zum nächsten Sortimenter auf (nicht zur Leihbibliotek) und kaufte (- wird man
mir als dem letzten bücherkaufenden Deutschen nicht eine Bildsäule setzen? -)
Ihre Bücher en bloc. Über Schwächen und Mängel im Einzelnen lässt sich ja
rechten. Der Gesammteindruck aber ist der: An Größe der Anschauung, an
allgemeiner Productionskraft stehen Sie ohne Gleichen unter den Lebenden da.
Sollte ich denn wirklich der Erste sein, der das entdeckt und der das
ausspricht? Sollte es möglich sein, dass alle Welt mit Blindheit geschlagen ist,
das nicht zu sehen, was doch so klar vor Augen liegt? Wahrlich, ich werde irre
an der Welt oder an mir selbst! Helfen Sie mir, dies Dilemma enträtseln! Bis
dahin aber seien Sie versichert der steten Bewunderung Ihres (will's Gott)
getreuen Schildknappen und Wagenlenkers.«
                                                           Xaver Graf Krastinik.
                Mein lieber Graf Krastinik,
    Ihr Schreiben hat mich gerührt und bin ich Ihnen dafür zu Dank verpflichtet.
Allein Ihre schmeichelhafte Verwunderung reizte mich - verzeihen Sie meine
Offenheit - zu stiller Heiterkeit. Nehmen Sie es als etwas Ehrendes, wenn ich
Ihnen zurufe: Ach, sind Sie noch grün!
    Die sogenannten Schriftsteller, sowohl die ungeheure Menge der Mittelmässigen
als auch die wenigen Bedeutenden, zerfallen moralisch in drei Kategorieen
(Ausnahmen bestätigen nur die Regel): die Schurken, die Lumpe und die Dummköpfe.
Die Schurken verfolgen mit allen Mitteln lediglich
