
wühlenden Arbeit zu erringen. Aus diesem Grunde sind all die guten Ratschläge
und Empfehlungen naturwissenschaftlicher Studien und gelehrter
Experimentalmetode in hohem Grade unwissenschaftlich d.h. unwissend über den
psychologischen Prozess der wahren Dichtung, dieses nur dem Dichterdenker
erschlossenen Rätsels. - Das echte Poeten-Ingenium beobachtet, fühlt und denkt
einfach schärfer, tiefer und schneller, als die Durchschnittsmenschen, seien
diese nun wissenschaftlich oder unwissenschaftlich. Es besitzt tausend
unentdeckbare Saugfäden, mit denen es gleichsam naiv-unbewusst und instinktiv
alle Bildungselemente in sich saugt. Daher die vielen Momentphotographieen
naturalistischer Beobachtung in den Werken großer Dichter, die z.B. den alten
Homer zum echten Naturalisten stempeln.«
    »Jaja, Du docirst heut wieder einen schönen Stiebel zusammen,« gähnte
Schmoller, der von der ganzen Auseinandersetzung, bei seiner verblüffenden
Stumpfheit allem Teoretischen und Abstrakten gegenüber, kein Wort verstanden
hatte. »Kurzum, ein wahrer Dichter ist ein großer Realist.«
    »Aber nicht jeder große Realist ist ein Dichter,« wendete Leonhart ein. »Ein
wahrer Dichter ist auch ein Realist, weil er ein Dichter ist. Aber Realismus
ohne Poesie ist gar keine Poesie. Realismus ist kein Zauberwort, das
feuilletonistisch-schriftstellerische Anlagen zu dichterischer Anschauung
ummodelt. Man ist entweder ein Dichter oder man ist es nicht. Ob man die
Jungfrau von Orleans oder eine Demimondaine schildert, ist dabei gleichgültig.
Beides soll man lebenswahr schildern - nicht wie Schiller's Jungfrau oder Dumas'
Kameliendame. Aber das Realistische kommt doch immer erst in zweiter Linie - die
Hauptsache ist, dass etwas bedeutend sei.« Er machte sich auf den Heimweg.
    Irgend Etwas in diesen Bemerkungen musste wohl auf Schmoller als unbewusst
anzüglich gewirkt haben. Wenigstens äußerte er nachher zu Ambrosius Sagusch, den
er gleich darauf im »Café Keck« traf, (wo dieser Sokrates eine Phryne väterlich
liebkoste und zur Xantippe umwandelte, da er sie hinterher nicht »frei hielt«)
-:
    »Ein ganz begabter kleiner Mensch, dieser Leonhart. Wenigstens als Lyriker
ist er ganz bedeutend. Aber sociale Romane will der schreiben? Lächerlich! Hat
der je ein Berlinisches Lokal-Sittenbild geschrieben, wie ich schon mit zwanzig
Jahren? Und das ist doch das einzig Wahre!« Als der Andere nicht recht mit der
Sprache herauswollte, fuhr er verdrossen fort:
    »Dieser Mensch! War der Stammgast je in einer Droschkenkutscher-Destille wie
das Kind im Hause? Das ist mein größter Stolz. Noch nicht ins Leben
hineingespuckt hat er! Immer die Taschen voll Geld gehabt! Nein, der vermag
nicht das Leben zu erfassen. Das ist meine ehrliche Meinung, an der ich erst
wankelmütig werden werde« (er meinte, in grammatisches Deutsch übersetzt: »die
erst wankend wird«
