 er immer wieder.«
    »Mag sein. Doch neben pikanter Junkerlichkeit begegnen wir hier stets einer
unverwüstlichen Natürlichkeit des Ausdrucks. Auch strotzt er voll scharfer
Beobachtung und weltmännischer Erfahrung. Und er schreibt meisterlich.«
    »Ja, darauf legt unsre kümmerliche Zeit ja das Hauptgewicht,« brummte
Schmoller. »Ach, das alles sind nur lodderige liebenswürdige Episoden-Dichter.
Sie plaudern mit anmutig ungezwungenem Weltton - das ist alles.«
    »Ja, aber er kann sehr viel.«
    »Möglich, aber er will Null. Das sind Alles nur Kunstandwerker! Ich sage
Dir, Du sollst nicht ewig Leute als Realisten preisen, die keine sind!«
    »Ach, nicht davon droht uns Gefahr, sondern ganz wo anders her. Unsere
Schulmeister-Aestetik, die ja stets mit dem Strome schwimmt, fängt an, sich des
siegreichen Realismus zu bemächtigen. Nun geht das automatische Einschachteln
los, ob dies echter oder das unechter Realismus sei. Es tauchen schon weise
Grossväter auf, die aus der Weisheit güldner Wolke erhabene Sprüche tönen lassen,
um das trockene Studium der Naturwissenschaften als obligatorisch zu empfehlen.
Als ob man vom Komponisten verlangen möchte, er müsse den Vorlesungen voll
Helmholtz über die Schallwellen beiwohnen! Eine neue Abart der
Philister-Pedanterie! Nächstens wird noch ein realistischer Aestetiker die
Höhere Mathematik für Berechnung der Zufallsmöglichkeiten den Romanschreibern
empfehlen! Dass der Dichter die Bildung seiner Zeit umfassen solle, bestreite ich
nicht. Doch dürfte Kenntnis der historischen und litterarhistorischen
Entwickelung denn doch dem naturwissenschaftlichen Studium weit vorzuziehen
sein. Wer alle Wunder der Physik und Chemie beherrscht, aber von Weltgeschichte
und Weltlitteratur nur oberflächliche Kunde erhielt, bleibt ewig ein
ungebildeter Mensch - nicht aber umgekehrt.«
    »Sehr wahr,« brummte Schmoller mit vieler Befriedigung. »Weiß ich etwa 'was?
Wie? Gar nichts, he?« Leonhart nickte zustimmend, indem er ein Lächeln
unterdrückte. »Und doch bin ich Karl Schmoller. Das Leben muss man kennen, siehst
de woll!«
    »Natürlich. Die Wissenschaftlichkeit ist der Tod der Poesie und lockt keinen
Hund vom Ofen. Solche zusammenspintisirten greisenhaften Experimentalromane wie
Goethe's Wahlverwandtschaften fussen auf wissenschaftlicher Grundlage - und
misslingen doch. Hingegen, als Goethe sich die Werter-Krankheit vom Leibe
schrieb, da zeigte er uns den richtigen Weg. Man muss seine Dichtung gleichsam
mit erleben; dankt erst bildet sich etwas Lebenswahres.«
    »Ja wohl,« fiel Schmoller ein. »Darum verweben alle großen Schriftsteller
ihre Erlebnisse auf oft kaum merkliche Weise in ihre Erfindungen. So z.B. habe
ich ...«
    »Allerdings,« unterbrach ihn Leonhart, »ist der hohe Lohn der absoluten
Lebenswahrheit nur um den Preis einer schonungslos in den eignen Eingeweiden
