 Gott? Wie kann etwas in
Versen heut großartig sein? Großer Dichter las ich neulich in dem Artikel eines
unreifen Epigonen über den Guten. Wer heut nicht in Prosa schreibt, zeigt schon
an sich, dass er kein großer Dichter ist.«
    »Das scheint mir doch etwas einseitig.«
    »Durchaus nicht. Wie kann man anders als in Prosa die großen Fragen der Zeit
realistisch, wahrheitsgemäss behandeln? Und wer das nicht kann und will, ist
überhaupt kein Dichter im höheren Sinn, sondern ein Epigone.«
    »Aber in Hamerling's Epen, wenn sie auch in entlegenen Zeiten spielen,
werden doch alle Fragen der Gegenwart berührt.«
    »Sehen Sie, darin liegt grade der Fehler! Es gibt nichts Neues unter der
Sonne diese Ben Akiba-Phrase ist eine der elendesten, die je verbrochen. Es
gibt jede Minute Neues. Die Natur macht kein winziges Blättchen in ihrer
unerschöpflichen Fülle dem andern ähnlich - und da sollten Menschen und Dinge
sich gleichen? Ewig gleich sind nur die großen Gesetze der Entwickelung. Wer das
Altertum realistisch zu schildern meint, macht sich für den Geschichtsforscher
lächerlich. Wir können uns absolut nicht in den Gedankengang antiker Menschen
versetzen. Und wer gar moderne Ideen in antikem Gewande aussprechen will, der
tut der Geschichte wie der Dichtung und endlich sich selber, dem modernen
Dichtermenschen, Gewalt an. Dostojewski im Raskolnikow, Zola im Germinal - das
sind wahre echte Dichter.«
    Die Beiden verließen das Café Bauer. Es war so schneidend kalt, dass sie
unterwegs im Café Kaiserhof einkehrten, um sich durch einen Grog zum
Weiterwandern, zu stärken. Leonhart geriet dabei in so gereizte Stimmung, als
er am Nebentisch einige »politische« Journalisten ihr unreifes Tagesgewäsch über
die »Wahlen« verzapfen hörte, dass er Lämmerschreier'n laut fragte, warum er
nicht politischer Journalist geworden sei. Wie könne man ein so schlechtes
Metier wie das des Dichters ergreifen, wo man heutzutage ungeheur viel Geist
nötig habe, um überhaupt nur aufzukommen! Zum politischem Journalisten aber
gehöre nur eine gehörige Portion Frechheit neben Dummheit und Unwissenheit, um
Schiedsrichter Europas zu werden. Er solle mal hören, wie der Größenwahn der
politischen Publicistik aus alles »Belletristische« herabschaue!
    In gleichem Stil schimpfte er auf dem Heimweg weiter. Da sei neulich ein
Vetter zu ihm gekommen, der als Offizier in die Armee getreten sei. »Ein Knabe
von neunzehn Jahren!« Da sagte ich zu mir: »Du Junker, der Du nichts bist und
weißt, stehst jetzt bereits in der Achtung der Gesellschaft zehnmal höher, als
Ich, der ...« er wollte sagen »der große Dichter«, verschluckte es aber
anstandshalber, »Jaja, mein Lieber!« Die
