 abstrakt
wie der des Guten - also voll physiologischen und associativen Einflüssen
unbestimmbar. Aus diesem Grunde würde z.B. auf den Kunstgebildeteten eine
lebendig gewordene Venus von Milo physiologisch als vollendet schön wirken, auch
wenn sie stumm und dumm wäre. Hingegen würde sie unter diesen Umständen bei
einem normalen Menschen niemals Liebe erwecken können, d.h. jene Schönheit
besitzen, die alle Sinne gefangen nimmt. Das heißt also: die rein physiologisch
als schön wirkende Schönheit - ja, wirkte sie auch wie die Venus associativ, all
unsern Kunstanschauungen gemäß - wird nie als vollkommene, als absolute
Schönheit wirken.
    Das Psychische spricht unbedingt das entscheidende Wort - so zwar, dass ein
unschönes, weder physiologisch noch associativ reizendes Äußere sich unendlich
verschönert durch innere Vorzüge und eine anmutig seelenvolle Frau auf die
Dauer die Schönste besiegt, sobald der Wettkampf um die Liebe des Mannes
hervorgerufen wird. Aus diesem Grunde war es ernst gemeint, wenn Alcibiades den
Sokrates als »schönsten der Hellenen« bezeichnete Die Griechen fassten eben den
Begriff der Schönheit in ihrem eigentlichen Sinne auf - eine Schönheit, welche
man selbst durch lebhaftes Mitfühlen gleichsam ergänzt und mitschaft.
    Nun denn, dies ergänzende mitschaffende Gefühl für das Schöne d.h. das Wahre
und Gute halte ich für den eigentlichen Keim einer echten Dichterbegabung. -
»Das Herz ganz voll von einer großen Empfindung« »Der Dichter darf nur
schildern, was er liebt oder geliebt hat« - diese Worte Goethes seien
Richtschnur. Dies Gefühl, das man philosophisch die Sympatie nennt - meine
Herrn, ich erhebe mein Glas auf dies Eine, was den Dichter macht, die »
weltumfassende Liebe.«
    Als er sein langes Pronunciamento beendet, verbeugte sich Leonhart plötzlich
mit leichtem Auflachen: »Mahlzeit, meine Herrschaften! Lasst's euch gut gehen!«
und verließ die verblüffte Versammlung, während ihm Lämmerschreier nach einer
eleganten Rundum-Verbeugung mit dem Ruf »Herr Doctor, Ihr Überzieher!«
dienstfertig nacheilte.
    »Der kommt wohl nicht wieder!« bemerkte Krastinik trocken zu Edelmann,
welcher mit vielsagendem Schweigen und unheilverkündendem Schielen unterm Tisch
seinen Kneifer putzte.
    »Wie er sein Froschtalent grössenwahnsinnig aufbläht!« platzte Rafael mit
ungewöhnlicher Heftigkeit los. »Er kann nicht ernst genommen werden. Welche
unlöslichen Widersprüche, welche trostlose Unreife und erschreckliche
Unwissenheit!«
    Der Sagus des Nordens schüttelte majestätisch sein bemoostes Haupt und
wirkte vernichtend durch vielsagendes Schweigen. Ein Engel durchschritt lautlos
das Zimmer. Es war, als ob ein Mehltau sich auf die Blüten dieses
literarischen Reform-Frühlings niedergesenkt hätte. Und doch hatte Leonhart ja
gar nichts Verletzendes gesagt. Aber ein erdrückendes Gefühl von
uneingestandener Überlegenheit dieses »Renommisten« beklemmte den freien Odem
der stolzen Stürmer und Dränger. So drängen sich die Schafe ängstlich
