 dass dies Gewissen uns anerzogen wird.«
    »Das glaub ich nimmermehr. Das Gewissen ist der große Unbekannte, der
unbekannte Gott, etwas Transcendentales. Dies etische Prinzip ist jedem
Menschen eingeboren.«
    »Dann ist's also doch nicht transcendental. Was wird dann damit, wenn der
Mensch stirbt?«
    »Das können wir nicht wissen - wenigstens, sobald wir die Unsterblichkeit
leugnen.«
    »Das Gewissen soll also jedem Menschen eigen sein. Dann trüge es ein
individuelles Gepräge. Und doch soll's ein allgemeines Prinzip sein?«
    »Es ist kein individuelles Prinzip. Sondern das Gewissen, das Unbekannte,
Unbewusste, ist das Prinzip der Existenz selbst. Es lebt in jedem Lebewesen als
ein Teil des großen etischen Gesammtprinzips. So erkläre ich mir das.«
    »Und doch tritt ja das Gewissen bei jedem Lebewesen verschieden auf, je nach
Erziehung und Abstammung. Der Eine hat ein zartes, der Andre ein hartes
Gewissen. Und seine Gebote - ändern sie sich nicht nach Zeit und Ort? Was bei
uns als Verbrechen gilt, mag im Orient oft Sitte gewesen sein.«
    »Möglich. Ich erinnere mich, dass ich als Kind weinend zu meiner Mutter kam,
weil ich mit Steinen werfend unversehens einen Vorübergehenden getroffen hatte.
Es war nicht Furcht vor Strafe, sondern die Reue, einen Menschen verletzt zu
haben.«
    »Gute Race!« erklärte Dorrington kaltblütig. »Die Knaben des Pöbels, welchen
Tierquälerei einen Hochgenuss bereitet, würden in solchem Fall über Deine
Dummheit lachen. Es ist alles Abstammung.
    Freilich, gute Race - hm, hm! Wer weiß, ob unser Idealismus - ich war mein
Lebtag ein eben solches Kind und bedaure in Dir meine eigne Schwäche - nicht
eine physisch schlechte Race andeutet! Unsre Eltern haben an einer Art Psychose
gelitten, an allzu zarter Feinheit des Nervensystems, waren nicht normal gesund
d.h. brutal-egoistisch, als wir gezeugt und geboren wurden. Der Idealismus ist
eine Krankheit; davon lass' ich mich nicht abbringen.«
    »Meinetalben!« Krastinik seufzte tief auf. »Aber was hilft's, das zu
wissen! Damit kommen wir keinen Schritt weiter. Wir müssen ja doch das Leben
ertragen, wie's einmal ist, und unsre idealen Forderungen verkneifen.«
    »Ja, bis der Tod uns kneift.« Der Alte gähnte leicht und schüttelte sich,
wie in einem Gefühl des Unbehagens. »Und um's erträglicher zu machen, hat man
sich die Mär von der Unsterblichkeit erfunden. Das ist auch so eine Art
Größenwahn des Menschen. Endlich sollte die Naturwissenschaft ihn doch belehrt
haben, was für ein Wurm er ist. Wahrhaftig, man sollte denken, dass
