 seine
Not klagt, beweisen sie sogleich, dies sei nur eigene Schuld gewesen.
    »Eine Hölle auf Erden! Tausend Nadelstiche! Und Willenskraft - als ob's
einen Willen gebe! Wir werden unsre Torheiten nicht los - die sind uns vererbt,
und angeboren. Wie wir einmal hereinfielen, werden wir's stets. Wen einmal ein
Weib dupirte, der wird stets aufs neue dupirt. Ich merke das, ich fühle das.«
    »Wohl wahr. Aber aus allem Missglückten kommt doch irgendwas Geglücktes. Aus
der Jagd nach dem Glück hat sich wohl Mancher schon Philosophie geholt.«
    So schwatzten sie immer weiter fort in die Nacht hinein. Je mehr man
abführt, desto besser die Verdauung, meinen manche Leute. Je mehr man schwatzt,
desto reger die geistige Verdauung. Aber sie führt gar leicht zu geistigem -
Durchfall.
    Die Empfindsamkeit über die Weltmisère übte auf Roter eine vergiftende
Wirkung: Sie bekehrte ihn zum Materialismus. Die elenden Erbärmlichkeiten einer
unidealistischen Weltanschauung wuchteten ihn völlig nieder, wie denn wahrer
Idealismus erst durch innere Überwindung des Materialismus errungen werden muss.
Die Verzweiflung des Idealismus führt zum Leben, der materialistische
Pessimismus zum Tod.
    Krastinik ermahnte ihn eindringlich beim Mittagessen, wo Beide wenig Appetit
entwickelten, doch der Welt und ihren dummen Spottgrimassen dreist ins Auge zu
sehen. Außerdem sei zehn gegen eins zu wetten, dass kein Mensch von Roter's
Kati-Tollheit etwas ahne.
    »Ach, die Welt weiß Alles, selbst unsre Lügen,« seufzte Roter.
    »Meinen Sie? Meinetalben. Jeder muss eben sehen, wie er's treibe. Nie ist ein
Mensch durch Disput mit Gegnern überzeugt, nie durch Andrer Warnung und Geschick
bekehrt. Lebensklugheit suchen ist umsonst - sie ist wie das Glück, wie das
Gefühl des Behagens, einfach da.«
    Beide versanken in ein düstres Sinnen.
    »Wie konnte ich nur -!« fuhr es Roter heraus. »Ich muss mich schämen.
Unerwiderte Leidenschaft für ein üppiges Weib ist doch lächerlich.«
    »Das finde ich nicht. Ob nun physisch oder psychisch, Hingebung ist immer
schön. Nur egoistische Sinnlichkeit ist sündig. Ja, Du lieber Gott, die Liebe
wird wie jedes Laster eine Krankheit, der man fröhnen muss.«
    »Ja, es ist gleichsam ein Faulheitszustand, aus dem man sich nicht aufraffen
kann. Und die Strafe der Faulheit bleibt ja nie aus, in tausend albernen Formen,
als Abhängigkeit von allen Aussendingen. Nur das Innere, wenn man sich dorthin
zurückzieht, ist fehlerlos während die Außenwelt unaufhörlich Fehler bringt.«
    »Sehr wahr. Ach, Fleiß ist die höchste Weisheit, Arzenei, Rettung, Genuss
zugleich. Ja, wenn man sich einreihen könnte in die
