 Morgen im
Grunewald. »Und da hab ich ihm nun heut Morgen eine Kugel ins Bein geschossen!«
schnarrte er, indem er zugleich eine unnachahmliche Miene des Bedauerns und
gekränkter Würde annahm.
    Leonhart starrte ihn sprachlos an. Glaubte der kleine Mann denn wirklich,
dass solche Fabeln, die in sich als unmöglich zerfielen, Anklang finden konnten?
Eigentlich lag doch eine beleidigende Geringschätzung für Den darin, dem er
solche wilde Märe auftischte. Als sein Blick zugleich auf den Chef des
Kolonial-Generalstabs fiel, der mit gehorsamem Maschinengesicht die englische
Konversation, von welcher er kein Wort verstand, über sich ergehen ließ, -
ergriff den Dichter ein solcher Ekel, dass er sich plötzlich empfahl. Der große
Mann biederte ihn beim Abschied verbindlich an, brach aber seinem Seïden
gegenüber los: »Ist das ein widerwärtiger Mensch! Ich machte noch gestern dem
Wurmb Vorstellungen, wie er den Menschen so überschätzen könne. Sein neues Buch
-«
    »Herr Doctor haben es gekauft?«
    »Ich? Gott soll mich bewahren!«
    »Aber Sie äußerten doch vorhin ...«
    »Gewöhnen Sie sich dies doch endlich ab, Beutin,« schnarrte der kleine Mann
in seinem vernichtendsten Nasalton, »Sie missverstehen mich immer. Nicht mit
Augen gesehen hab' ich das dumme Buch. Dies Gedichteln überhaupt! Als ob wir
nicht schon an den ollen Klassikern übergenug hätten! - Übrigens, denken Sie an
meine Worte, der Mensch wird noch im Irrenhause enden. Will die Kampagne von
1796 auch machen - ein Mensch, der nicht mal Militär ist. Haarsträubend! Der
pure Größenwahn! - Was, wie, sind Sie nicht auch meiner Ansicht, Sie?«
    »Zu Befehl, Herr Doctor,« stammelte der hochgewachsene Chef des Generalstabs
mit der gelben Notiztafel, unter dem Blick seines Empereurs erzitternd in seines
Nichts durchbohrendem Gefühl. Dieser aber fing in kreuzfideler Stimmung zu
trällern an: »Mutter, der Mann mit dem Koaks ist da!«
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    Was für ein Mensch, dieser kleine Duodez-Napoleon! dachte Leonhart, indem er
sich zu Haus entkleidete. Aber was für ein Beweis, wozu man es bringen kann mit
Glück und strebernder Energie! Waren Napoleons Anfänge denn anders? War er
minder verlogen und grundsatzlos? Ist dies nun Größe?
    Und da der Dichter also sann, umspann sein Hirn ein wundersamer Traum.
Gewaltig sah er an sich vorüberwallen - wie Banquo's Königsschatten, im Hermelin
vermummt - die Schatten der vergangenen Taten, die man als »Größe« pries. Doch
was ist Größe?
    Ihm war, als
