 er sich innerlich vor Lachen auf dem
Fußboden rollen. Offenbar ging der praktische Cyniker von dem richtigen
Grundsatz aus, dass jeder Mensch eine unglaubliche Menge Schmeichelei vertragen
könne; ahnte aber bei seiner Menschenverachtung nicht, dass es auch
Menschenkenner geben könne, die ihn selbst durchschauten. Doch seltsam! Während
er ironisch lächelte, fühlte sich der junge Dichter dennoch angenehm von dieser
geschickt applizirten Flatterduse gekitzelt.
    »Bei mir,« versicherte der große Kolonialpriester mit düsterem Stirnrunzeln
und weltschmerzlichem Stimmfall, »überwiegen die Unlust-Empfindungen stets -
soviel weiß ich. Kellner, einen Eierpunsch!«
    Ei, dachte Leonhart, nachdem er aller Welt durch seine rücksichtslose
Streberei Unlust-Empfindungen bereitet, sitzt er hier dick und fett am Biertisch
und philosophirt über die Unlust! - Paulus schien jedoch wirklich von
sentimentaler Aufwallung übermannt.
    »Ach, mein Freund, schon allein ... Die Weiber!« Und nun fing er an,
englisch - Leonhart, der sehr gut Englisch sprach, begünstigte diese Affektation
- von seinen Liebesgeschichten erzählen. Man musste denken, dass hier
Erstaunliches vorlag, wenn man ihm Glauben schenkte. Verlobte Mädchen aus guter
Familie besuchten ihn in einer Wohnung und verrieten seinetwegen ihre Bräugams,
Ärzte oder Assessoren - zur beliebigen Auswahl.
    »Jaja«, Leonhart wiegte nachdenklich den Kopf. »Der Geist übt eben
dämonische Anziehungskraft auf die Frauen aus.«
    »Hm, ja, aber eben nur der praktische Geist,« schnarrte Paulus rasch, als ob
er einen Eingriff in seine Privatrechte zurückweise. »Die Energie - das
imponirt. Das Weib verachtet den unpraktischen Idealismus. Tata, das Dichten und
Denken! Die Energie - das ist die Hauptsache.«
    »Energie! Glauben Sie etwa, dass nicht die höchste Energie erforderlich ist,
wie Goethe ein Leben lang die Idee des Weltwerkes Faust mit sich herumzutragen
und unablässig daran mitzureifen? Offen gestanden, wär' ich ein Genie, wie Sie
sagen - kraft der inneren Unteilbarkeit des Genies, das ja Alles kann, was es
anpackt möcht' ich mich dann wohl verpflichten, unfähigen Gegnern gegenüber die
Kampagne Bonapartes von 1796 zu leisten - aber den Faust zu schreiben möchte
wohl über meine Kräfte gehen.«
    »Ah! Na! Darüber lässt sich streiten.« Paulus sprang rasch von dieser Frage
ab, die ja seine Eitelkeit kaum interessieren konnte, und fing statt dessen an,
eine schreckliche Mordsgeschichte zu berichten. Er teilte Leonhart im Vertrauen
mit, dass er heut früh ein Duell gehabt habe. Er sei mit einer Dame, einer
schönen Dame, in einem Café gewesen. Da habe ein Dandy am Nebentisch anzügliche
Bemerkungen über ihn und die Dame verlautbart. Er gleich hin - schneidig
Rechenschaft verlangt - verweigert - Forderung - sofort am andern
