 folgte Henry Francis Anneslei eifrig
der Lockpfeife: »Allerdings, Herr Schmoller. Ich plane auch eine Prachtausgabe
meiner Symphonie Kinder des Leids, Opus 21.«
    »Muss Ihnen aber ein schweres Geld kosten,« meinte Schmoller teilnehmend,
der rasch berechnete, dass man sich einen so vermögenden Jüngling warmhalten
müsse.
    »Ach ja!« rief der Beklagenswerte. »Ich war stets ein Opfer meines idealen
Strebens. Wer die ganze, hohle jämmerliche Erbärmlichkeit der aus Perfidie,
hirnverbranntem Neid, tollem Größenwahn, gemeinster Klatschsucht,
polizeiwidriger Kliquenheulmeierei zusammengesetzten Weltverhältnisse kennen
gelernt hat - puh!«
    »Sehr richtig!« sagte Schmoller und machte ein ernsthaftes Gesicht.
    »Wo ist neidlose Anerkennung wahren Verdienstes,« der Wunderknabe warf das
Adonishaupt in den Nacken, »wo Ehrfurcht vor allem Großen, Heiligen und Schönen,
wo Charakter, Manneswürde!«
    »Sehr richtig!«
    Jener aber übte sich rüstig fort in deklamatorischer Rhetorik:
    »Wer vermag in diesem bodenlosen Sumpf des Egoismus festen Fuß zu fassen!
Wer noch einen Funken Moral und Ehre im Leibe hat, wendet entrüstet sich ab von
diesem Bilde schamloser Herzens- und Gemütsverrohung, verzweifelnd an allen
idealen Instinkten. Ja, man müsste die Leier des Gesanges zu allen Teufeln werfen
-«
    »Warum tun Sie es denn nicht?« unterbrach ihn plötzlich im betäubendsten
Wortschwall die boshafte Zwischenfrage. Sie kam aus dem Munde Leonharts, der ihn
seit geraumer Zeit mit festen Blicken maß, als ob er an ihm etwas studieren
wolle. Anneslei verstummte und biss sich auf die Lippe, während ein tückisches
Blinzeln in seinem Auge verriet, dass er Leonharts Meinung sehr wohl verstanden
habe.
    »Meine Lieder,« hob er wieder an, »sind sturmbewegte Trauerflöre, tiefste
Herzensseufzer. Durch die Berührung mit der All Natur entsteht jenes Stimmungs
Fluidum, welches der brünstigen Sehnsucht nach dem Ur Schoss entspringt. Ja,
meine Herren, die Musik - sie ist die höchste der Künste, vergeistigte Materie,
die vom Rohstofflichen bis auf den kleinstmöglichsten Erdenrest sich losgelöst.
Die in der Stunde der Gnade empfangene Melodie der Seele, der individuelle
Stimmungsduft der Empfängnis, die krystallklare Spiegelung der dämonischen
Regungen der Seelenorgane in der ganzen Skala der Affekte vom höchsten Jubel bis
zum tiefsten Leid ...« er wollte noch einige Phrasen hinzufügen, verhaspelte
sich jedoch und verschlang rasch eine Auster.
    »Kannst Du Dir den Bauch halten vor Lachen? Ich platze!« raunte Schmoller
wieder seinem Freunde zu, der mürrisch vor sich hinstarrte. »Sehr, sehr schön
gesagt, mein lieber Herr Francis Henry Anneslei,« sagte er laut mit tiefem
Brustton der Überzeugung. »Grade auf Ihre Prachtausgabe bin ich ungemein
gespannt. Haben Sie schon einen Verleger?!«
    Diese ominöse Frage schien
