 sich ein Begeisterungssturm von Gallerie und Parterre aus
entfesseln. Nach dem dritten Akt aber wollte man, laut Verabredung, ein
furchtbares Bardengebrüll »Alvers, Alvers! Alvers 'raus!« stiften, das sich
fortissimo bis zum Füssescharren und Stampfen steigern sollte. Ehe die
Schauspieler für den »leider nicht im Hause anwesenden Dichter« danken könnten,
würde sich dann der Hohe selbst in seiner Loge erheben und gnädig dem
verehrlichen Publiko seine Kneifer-Verbeugung zuschlenkern. So dachte man der
bösen Kritik schon noch beizukommen!
    Wenigstens stellten dies Alles die drolligen Dichterdioskuren so dar, welche
von Jedermann irgendwelche Mordsgeschichte zu erzählen wussten. Im Vorübergehen
hörte man, während die Verschwörer im Sturmmarsch an ihnen vorbeidefilirten, den
großen Dichter selbst die bedeutenden Worte äußern: » ... Das ist es, meine
Herren, was ich in Ihnen begrüsse: die Wiedergeburt des germanischen Geistes
durch begeisterte Jugend. Sie, die Blüte der Nation, Sie nur verstehen mich zu
würdigen. Ja, was sind sie, all die Andern! Nur das nationale germanische Drama
...« Der raue Wind verschlang unbarmherzig den Rest. Die vier Flaneure sahen
sich an.
    »Größenwahn!« flüsterte Roter.
    »Dieser Mensch!« schrie Schmoller, indem er sich mit teatralischer Geste an
die Stirne fuhr. »Was versteht denn Der! Alberner Bumbum! Dem muss die Muse
stramm stehen, wie ein Rekrut!« Leonhart schwieg. Roter knüpfte noch die
Bemerkung daran, dass in der Malerei Adolf von Werter diesem königlich
preußischen Strebertypus als Pendant entspreche. »Ja, von! Da liegt's!«
Schmoller fuchtelte wütend mit beiden Händen umher. »Das von macht diese Kerle
berühmt. Hehe, neunundneunzig Karossen halten soeben vorm Hofschauspielhaus, wie
ich höre. Das ganze Geheimratsviertel und die ganze Garde sind angetreten, um
einen Dichter von und zu, einen von ihre Leut', zu bespeicheln. Pfui Deibel!
Was, wie, Leonhart, zwei Kerle wie wir, die hunderttausendmal mehr wert sind,
als die ganze Bande zusammen ...« Leonhart schwieg.
    Roter stieß Anneslei mit dem Ellbogen an. »Größenwahn!« murmelte dieser,
halb träumerisch.
    »Wo speisen wir, meine Herren?« fragte Leonhart.
    »Welche Frage! Siehe Annonce-Spalten der Berliner Tagesstimme! Wo speisen
Sie? Bei Schwanzer. Hier wären wir ja. Steigen wir man immer runter,
Herrschaften!« docirte der gewiegte Lokalspezialist Berlins als Autorität mit
Selbst-Patent.
    Man stieg also in den geräumigen Keller hinab und nahm Platz. »Kellnehr!
Eine Portion Erbsensuppe mit Schweinsohren, aber hübsch zerkaut! Ne, nicht doch,
ich versprach mich man nur. Kellnehr! Ein Eisbein mit Sauerkohl! Ganz frisch
