blaue treue Augen« habe,
also zu cultiviren sei.
    Marys Wünsche betreffs Einlösung ihrer versetzten Uhr, und dergleichen mehr,
fielen bei Roter auf fruchtbaren Boden; ihre Droschken nach Hause bezahlte er
ihr pflichtschuldigst, aber sie selbst besuchte er selten. Es schien mit der
Zeit mehr ein gewisses Mitleid, was ihn an sie kettete, indem er ihre Neigung
für eine wirklich tiefere hielt. Hierin irrte er auch nicht, wohl aber, wenn er
ihrer Versicherung Glauben schenkte, sie habe sonst kein »ernsthaftes
Verhältnis« nebenbei.
    Ja, war denn das wirklich er, Roter, der sich, wie ein Ladenschwengel oder
ein halbwüchsiger Student mit seiner Kneipmamsell oder Konfectioneuse, mit einem
törichten Bierbass-Mädel umhertrieb, die zufällig in ihn verliebt war und ihren
Mund unersättlich mit der Mahnung »Kuss« ihm entgegenspjetzte? Und das Alles nur,
um die nagende Sehnsucht und Erinnerung zu betäuben!
    War das denn nicht eine Profanation seiner wirklichen wahren Liebe für jene
Andere, die er sich doch mit Leib und Seele als Braut erkoren? Und dabei
liebelte er nebenbei noch mit der Dienstmagd der Wirtsleute, wo er wohnte! Kein
Zweifel, sein ganzes Wesen war in kindsköpfische Sinnlichkeit aufgelöst, er
schien von einem erotischen Teufel besessen. Diesen Teufel kann man nur
austreiben durch Beelzebub, den obersten der Teufel. Und so keimte denn in
Roter der künstlerische Größenwahn um so stärker hervor, jemehr seine Farben
auf der Palette trockneten und der Pinsel nervös seiner Hand entglitt.
    Stundenlang auf einem Divan ausgestreckt, eine Virginia nach der andern
schmauchend - manchmal aus Apathie nur an dem Strohhalm derselben kauend, ohne
den »Rattenschwanz« anzuzünden -, fing er an, über seiner verkannten
künstlerischen Bedeutung zu brüten.
    Aber statt diese mit dem Pinsel zu beweisen, griff er zur Feder. Wegen
leidlichen Stils geschätzter Korrespondent einer Kunstchronik, verriss er nunmehr
rücksichtslos alle Lebenden. Adolf Menzel sei nur ein Vorläufer des
Naturalismus. Da sehe man dagegen die Warzen der drei alten Weiber in der Kirche
an, mit denen Meister Laibl uns beschenkte - dafür gebe er, Eduard Roter, den
ganzen Rafael!
    Doch auch dies Gezanke um eine Kunst-Revolution vermochte seine innere
Unrast nicht zu stillen.
    Wer irgend eine Handlung beging, die ihn schädigen oder lächerlich machen
kann, wird ewig von den Dämonen einer ungewissen Furcht umhergesagt. Wie oft
verwirklicht die Furcht sich nicht und wie oft tritt die gefürchtete
Unannehmlichkeit grade an einer Stelle auf, wo man sie nicht erwartet! Wie oft
räumt das Schicksal oder der Zufall eine Reihe von Gefahren, die uns drohten,
aus dem Wege, und wie oft schafft er neue Hemmnisse, an die man nicht denken
konnte!
    Wie sollte es denn Alles enden! Nachdem eine etwas kühlere Überlegung seine
