 auch ein wenig sonst. Und das letztere ist uns
besonders erwünscht. Haben wir uns doch nur deshalb ungeladen, ungesehen,
unbelauscht bei uns eingefunden, um den Herrn abzuholen und mit ihm innerhalb
seiner eigenen vier Wände, eine Treppe hoch über der gegenwärtigen Lust und
Unlust am Dasein, noch eine stille Stunde zuzubringen. Ob wir ihn noch einmal so
wie jetzt in tadelloser Gesellschaftstoilette finden werden, ist zum mindesten
zweifelhaft. Benutzen wir also die günstige Gelegenheit und reden ein wenig von
den Äußerlichkeiten seiner Existenz. Die Samtrobe und das Fächergeknarr seiner
Nachbarin im Diwan und ihr schmeichelhaftes Dreinreden sind uns durchaus nicht
hinderlich dabei.
    Er bekommt viele Komplimente, nicht bloß von der gnädigen Frau und
Hausherrin, sondern auch von vielen andern Damen der Gesellschaft, jungen und
alten, zu hören. Sagen wir ihm gleichfalls einige; er hat, wie man das nennt,
Sinn dafür.
    Wie man das nennt, ist Hofrat Dr. Albin Brokenkorb ein schöner Mann. Ein
schöner Mann in den besten Jahren, so um die Vierzig herum; zwar mit etwas hoher
Stirn und auch sonst gelichtetem Haupthaar, aber mit einem weichlockigen blonden
Vollbart und blauen, weichblickenden Augen, deren Aufschlag oder
Aufgeschlagenwerden vorzüglich etwas Sympatisches haben soll, wie von
Autoritäten holdester Kompetenz häufig versichert wird! Mit knarrenden Stiefeln
ist seine Erscheinung nimmer in Verbindung zu bringen; er tritt auf, wie er
redet, und die Lider hebt und senkt er nicht geräuschloser, um seinen Reden an
der rechten Stelle den herzfesselnden Nachdruck zu geben. Er redet leise, oder
vielmehr gedämpft, doch er kann sonor reden und tut es, wo er sich Erfolg davon
verspricht; und gestern abend hat er im Saal der Singakademie einen Vortrag über
das Schwert und die Myrte in der Weltliteratur gehalten, und er hat die tiefsten
Fasern der Empfindung mit dem letzteren Gewächs aus der Tiefe seiner Seele
symbolisch aufgezogen. Morgen wird er (wenn nichts dazwischenkommt) über
dasselbe Thema in Potsdam vor dem gewähltesten Publikum reden, und er glaubt an
seinen Beruf, die besten Stände zu sich emporzuheben: er ist wirklich gar kein
übler Mensch. Dass er es böse mit sich und seinem geselligen Kreise meine, hat
ihm noch niemand nachgesagt, und, wahrhaftig, wir tun's auch nicht!
    Wenn es ein Glück ist, seinen Fähigkeiten, Liebhabereien und so weiter
ungestört sich überlassen zu dürfen, so ist dieses Glück dem Hofrat Dr.
Brokenkorb durch Gunst und Gnade der Götter im höchsten Masse zuteil geworden. Er
ist gesund und ein verhältnismäßig noch junger Hofrat. Dieser sein Titel
schreibt sich aus den Verpflichtungen, der Gnade und Gunst eines der kleineren
Fürstenhöfe unseres deutschen Vaterlandes her. Sein auskömmliches Vermögen
stammt weniger von eigenem Verdienst als von ungemein geachteten Vorfahren aus
der Freien und
