Ohren. Da
predigt man sich vor, dass die unumwundene Aussprache unserer tiefsten Gedanken
und Stimmungen der Menschheit bestes Teil sei; dass die Schlachten des Geistes
nicht von Schweigern, sondern von den lauten Zeugen und furchtlosen Bekennern
geschlagen werden. Ja, wenn das Lumpengesindel nicht wäre! Und der Knechtssinn!
    Blauer Dunst bringt Ehr und Gunst. Leider gehörte der Dunst bis jetzt nicht
zu dem Material, aus dem ich zu bauen verstehe. Vielleicht lern' ich's noch!
    Mit dem spekulierenden Kapital zusammenzuarbeiten, mit dem vollen Einsatz
gereiften Talentes, wäre freilich das verlockendste. Das Aufblühen aller Kunst,
besonders aber der auf Riesensummen angewiesenen Baukunst, ist an den Besitz des
Goldes gebunden. Sind wir endlich über den blutigen Milliardensegen mit seiner
gemeinen Protzerei, seiner geilen Genussgier auch im Kunstschaffen, glücklich
hinaus, so sind wir doch der rohen materialistischen Richtung noch nicht
entwachsen. Was fordert heute noch die Aufschneiderei und Reklamemacherei der
Geldprotzen und Börsenjobber und Spekulanten und Bodenwucherer nicht für
haarsträubende Zugeständnisse vom Baukünstler! Wie verroht und unsolid ist der
Geschmack des großen Publikums in allem, was mit der Bautätigkeit
zusammenhängt!
    Unter solchen Umständen die Möglichkeit zu finden, Werke zu schaffen, welche
des aufgewendeten Talents würdig sind und den feinen Sinn, das edle Gemüt
befriedigen, ist unendlich schwer.
    Und dann die Stilfexereien, die altertümelnden Schrullen der zahlungsfähigen
modischen Halbbildung, überhaupt die Renommisterei der Mode in der Kunst! Und
das spielt sich als massgebendes Kennertum auf! Wie mich das anmassliche Treiben
dieser lackierten Barbaren oft kunststadtmüde gemacht hat, kann ich nicht mit
Worten sagen. Kreuzmillionendonnerwetter!
    Aber wie natürlich ist's auch wieder, dass sich diese Stilhanswurste an ihre
»echt« etikettierten Schachteln anklammern: sind sie doch bei allem äußeren
Reichtum innerlich so bettelarm, so aller wurzelhaften Empfindungen und
quellenden Ideen baar, dass sie nur durch das emsige Spielen mit allen
erdenklichen, aus allen Himmelsgegenden und Kunstepochen zusammengeschleppten
und mit einem Heidengeld bezahlten Stilformen sich über ihre individuelle
Armseligkeit hinwegtäuschen können. Man muss eigenartige, weltbewegende Gedanken
haben, um das heiße Bedürfnis zu verspüren, sie in eigenartigen Baudenkmalen
niederzulegen; man muss eine starke Persönlichkeit mit bedeutsamen künstlerischen
Triebkräften sein, um einen originellen Baumeister zur Ausgestaltung neuer
Ideale nötig zu haben. Von der monumentalen epochemachenden Kunst gar nicht zu
reden, da eine Blüte derselben den monumentalen Zug des Geistes und Charakters
eines hochstrebenden Geschlechtes zur Voraussetzung hat. Kein Wunder, dass diese
ästhetischen Schnorrer ihren künstlerischen Lebensbedarf bei den Trödlern und
Antiquaren zusammenfechten - ein wahrer Hohn auf alles ernste, vernünftige
Sammlertum.
    (In Parentese: es ist doch rücksichtslos von dem Tempera-Frauenzimmer, mich
umsonst warten zu lassen.)
    Jetzt stehen die Sachen so: wie es Mode-Schneider gibt, so etablieren sich
die Mode-
