 erst von einer seiner dankbarsten Verehrerinnen, der
militärfrommen Frau eines bekannten Weinrestaurateurs, spendiert zu worden
pflegen. Die Töchter des Barons wollten den Rittmeister bei einer zufälligen
Begegnung im Hallsflur wieder erkannt haben als den Schwerenöter Fra Diavolo,
der ihnen auf dem letzten Maskenball im Kolosseum selbst gar leidenschaftlich
nachgestiegen.
    Im vierten Stock haben sich die beiden eigenartigsten Persönlichkeiten
eingemietet: erstens ein einarmiger und einäugiger Zeitungsschreiber, der
Herausgeber des sogenannten Witzblattes »Die Kloake«, oder »Das Vaterland der
schönen Seelen«, wie es nach einem anrüchig-doppelsinnigen Gratulationsgedicht
der ersten Neujahrs-Nummer vom Volkshumor benannt wurde. Den linken Arm will er
auf den französischen Schlachtfeldern verloren haben, das rechte Auge wurde ihm
bei einer Rauferei zur Nachfeier der Fahnenweihe eines ländlichen
Veteranen-Vereins aus dem Kopfe geklopft. Er geht meist nur in der Nacht aus,
und die Hausleute, welche dem herkulisch gebauten Einarm-Einaug auf der schwach
beleuchteten Treppe begegnen, drücken sich scheu zur Seite.
    »Pressbandit« nennen sie ihn. Aber heimlich, weil sie ihn fürchten. Die
Frechheit seiner Feder ist beispiellos. Er schont nicht das Kind im Mutterleibe.
Wo er hingreift, bleibt ein Schmutzfleck. Seine Tinte ist stinkige Jauche.
    Zweitens: der Akt-Photograph Attenkofer, Meister des freien deutschen
Hochstifts, Inhaber zweier silberner Medaillen für Kunst und Wissenschaft,
Ehrenmitglied des Tierschutzvereins sowie der Gesellschaft zur Verbesserung der
Hunderassen, ein Mann mit einem drolligen Löwenkopf, von Gestalt ein Riese
Goliat, nach der Tracht, die Sommer und Winter die gleiche, einer der
getreuesten Jünger des Stuttgarter Wollenapostels - und dazu eine sanfte
Kindesseele, keusch wie, Gletschereis. Seit er neben dem Pressbanditen wohnt, ist
die Harmonie seines Gemütes zerstört. So viel Bosheit und Niedertracht bei einem
Menschen, der die Feder führt und sich Journalist nennt, hätte er nie für
möglich gehalten. Zum erstenmal in seinem Leben hat er einen Menschen hassen
gelernt.
    Der Pressbandit hat ihn in seiner »Kloake« karikiert als Kohlrabiheiland, der
die alleinseligmachende Pflanzenkost öffentlich predige und heimlich
Schweinsbraten und Knackwürste pfundweis fresse. Das hat ihn zwar gewurmt, aber
er hat's ertragen.
    Der Pressbandit hat ihn in seiner »Kloake« als dressiertes vierfüssiges
Zirkusvieh abgebildet, ein Ungeheuer, halb Kater, halb Vogel, im grotesken
Ringkampfe mit einem ekelhaften, die Zunge herausstreckenden Klown. Ein
Blödsinn, eine gassenjungenhafte Unverschämtheit. Es hat ihn wieder gewurmt,
aber noch hat er's ertragen.
    »Ich bin sein Lückenbüsser,« sagte sich Attenkofer; »wenn ihm nichts Besseres
einfällt, nimmt er mich vor, sein Sudelblatt zu füllen; so lange er mich
verarbeitet, wird wenigstens ein anderer ehrlicher Mitmensch in Ruhe gelassen.
Gut, ich ertrag's und opfere mich.«
