 ja, die Franzosen,
und der ihrer würdige Zola, das sind verkommene Subjekte; an der deutschen
Heiligkeit im Leben und in der Kunst gemessen, die reine Fratzenhaftigkeit
unseres idealen Reinmenschlichen, das wir so unübertrefflich verkörpern .... Und
doch hat der Kritiker der Neuesten Nachrichten Recht und der Romanzier Zola hat
Unrecht. Es kann nicht die Aufgabe der Dichtung sein, die gute Gesellschaft zu
beleidigen, und Zola beleidigt sie durch seine Brutalitäten und
Geschmacklosigkeiten. Wir ertragen im Leben vieles, was in der künstlerischen
Darstellung einfach unerträglich wirkt. Es gibt im Hässlichen und Wahrhaftigen
eine Grenze, die nicht überschritten werden darf. Auch in seinen Büchern darf
der Schriftsteller den Vertreter der guten Gesellschaft nicht verleugnen ....
Zolas fixe Idee ist die Sinnlichkeit. In jedem Menschen sieht er nur die
lauernde schmutzige Bestie. Du lieber Himmel, wenn jedermann mit Zolaschem
Wahrheits-Fanatismus den Roman seiner sinnlichen Gedanken, Worte und Werke
niederschreiben wollte, das würde nicht bloß die gesamte Literatur, sondern
auch das gesamte Leben verpesten. Wäre das schön? Wäre das zweckmäßige?
Literatur und Kunst sind ja gerade dazu auf der Welt, die Sinnlichkeit zu
veredeln und geläutertes Vergnügen zu bereiten. Und dann gar erst dieser
grundsätzliche Pessimismus: überall nichts als Verworfenheit und
Nichtswürdigkeit in der Menschheit! Nein, nein, wir dürfen uns von diesen
trübseligen Naturalisten nicht den letzten Rest behaglichen Lebensgenusses
vergällen und jede heimliche Freude mit Schmutz anstreichen lassen.«
    Plötzlich zuckte wieder der bittere Zug über Drillingers Antlitz.
    Knarrend schlug die Tür zurück. Herr Bankier Weiler wälzte sich herein.
    »Bitte vielmals um Entschädigung, Herr Baron, wegen der Störung und des
langen Wartens. Böse Abwickelungen gegen den Monatsschluss! Und dieses
Hundewetter! Bitte Platz zu behalten.«
    Herr Weiler warf seinen Überzieher ab und wischte sich die Brillengläser mit
den Fingern. Sein kleines, rundes, pfiffiges Gesicht glühte unter dem dichten
schwarzen Kraushaar. Er ließ den kurzen wurstartigen Leib in den Armstuhl fallen
und schlug die O-Beine übereinander.
    Die Nähe des dicken, schwitzenden, eine ganze Wolke von sehr gemischten
Ausdünstungen um sich verbreitenden Bankiers, trieb dem Baron wahre
Angstschweisstropfen auf die Stirn.
    Er zog sein weißes Reserve-Battisttaschentuch mit dem eleganten, von der
Freiherrnkrone überschwebten Monogramm in blaugelber Stickerei aus der Tasche -
das andere lag noch auf dem Sitze - und strich und fächerte in nervöser Erregung
im Gesichte herum.
    »Kommen wir rasch zur Sache, Herr Weiler, bitte! Was sollte eigentlich die
Depesche? Es ist doch keine Katastrophe in Sicht? Oder habe ich ein großes Los
gewonnen?«
    »Hat sie Sie erschreckt, bester Herr Baron? Keine Furcht, ich vermute, etwas
Gutes für Sie zu haben. Wollte mir die Ehre eines
