 fast kein Mensch mehr, dass von heute auf morgen die
Katastrophe der Entmündigung des Königs und seiner Tronentebung eintreten
kann, und je tieferes Schweigen die sonst so lauten Zeitungen sich plötzlich
auferlegt, desto vernehmlicher spricht jetzt die Stimme des Volkes und
unheimliche Mähr geht von Mund zu Mund ...
    Aber heute war doch ein goldner, ein sonniger Tag!
    Meister Achtuber legte sein Werkzeug aus der Hand, um sich zur
Ausschusssitzung für die Zentenarfeier König Ludwigs zu rüsten, die eine
glänzende, epochemachende Huldigung der Künstler, für das erhabene Fürstenhaus
und die gesegnete Kunststadt München, die fröhliche Heimat so vieles Großen und
Gewaltigen, was je menschlicher Schöpfergeist ersonnen, werden sollte. »Saure
Wochen, frohe Feste«, zitierte er aus seinem Goethe und fügte improvisierend
hinzu: »Hell Gemüt bleibt doch das Beste!« Dann steckte er seinen
Atelierschlüssel in die Tasche.
    Biswanger schloss sein Kontor und rief im Vorübergehen seinem jungen Freunde
Pfaffenzeller, der sich in seiner neuen Vertrauensstellung im Rasslerschen
Geschäft nicht genug tun konnte und noch emsig in seinen Kontrollbüchern
hantierte, einen guten Abend zu. »Was ich Sie fragen wollte, Herr Pfaffenzeller,
haben Sie an den Architekten Zwerger geschrieben, dass er den Termin nicht
versäumt?«
    »Zu dienen, Herr Biswanger, ich weiß sogar schon aus seiner heutigen
Privatmitteilung, dass er noch vor Pfingsten mit seiner Braut Flora Kuglmeier in
München eintreffen wird.«
    »Sehr gut. Je eher, desto besser. Man kann nicht wissen, wie sich der
Zustand des Kommerzienrats nach dem letzten Schlaganfalle macht. Weiler ist
definitiv beseitigt, das steht fest. Es ist notwendig, dass die neue Gesellschaft
keine Zeit verliert und so bald als möglich in Aktion tritt. Die
Bodenerwerbungen sind dem Abschluss nahe. Also das Eisen geschmiedet, ich meine
Rassler, Schmerold und Kompagnie, so lange es heiß ist.«
    »Ganz meine Meinung, Herr Biswanger.«
    »Wissen Sie, wenn jetzt über kurz oder lang der Tronwechsel ...« der alte,
etwas verwachsene Herr sah sich vorsichtig um. Pfaffenzeller nahm seinen
Gedankengang auf: »Natürlich tritt er in kurzem ein und wir bekommen neue
Verhältnisse, neue Menschen, die großen Münchener Plänen und Unternehmungen
gewiss nur günstig sein können.«
    »Wir verstehen uns,« schloss Biswanger befriedigt.
    Es ist halb acht Uhr. Die Büreaus, Werkstätten, Läden und Gewölbe sind
geschlossen. Die Quaistrasse ruht im tiefen Schatten, während in der
Maximilianstrasse die Abendsonne mit blendender Helle ihre letzten Strahlen
verfeuert. Der Häuser lange, verstaubte Reihe steht wie ausgestorben. Aber in
allen Straßen und Gassen, die ins Freie führen, wogt ein ungezähltes Heer, ein
phantastischer Auswandererzug: Männer, Weiber und Kinder, Vornehme und Geringe,
viele
