, der alles bedeckt, die Alpen, die
Königsschlösser, den See, München, die ganze Welt, - das Geheimnis des Todes ...
    Dem Zufall sei Dank: Zwergers Brief, den er unter den während seiner
Abwesenheit eingelaufenen Postsachen fand, gab seinen Gedanken eine andere
Richtung. Zuerst muteten ihn die Blätter ganz anachronistisch an, wie eine
uralte Handschrift, die man in dem verschütteten Pompeji ausgegraben und die so
seltsame Mähr kündet von Menschen und Schicksalen, die seit tausend Jahren
verschollen. Aber je weiter er las, desto gewaltiger und heiterer fasste ihn der
Geist der Modernität, der aus diesen Zeilen spottete, scherzte, klagte, fluchte,
segnete, hoffte. Er legte von Zeit zu Zeit die Blätter weg, lachte vor sich hin,
drehte sich eine frische Zigarette und sprach für sich selbst: »Dieser Umfang,
diese Fülle! Ich schwatze gewiss auch mein ehrlich Teil zusammen, wenn ich einmal
im Zug bin - das bringt das Jahrhundert der parlamentarischen und
publizistischen Schwatzsucht so mit sich - aber was zu viel ist, ist zu viel.
Das flutet und rauscht ja daher wie die Isar bei Hochwasser! Das ist ja ein
Buch, eine Parlamentsrede! Eine Parlamentsrede zum Fenster hinaus ins
zeitungsfressende Land hinein! Armer Zwerger, auch du hast deinen Beruf
verfehlt, du, ein Mann der Baukunst, der schweigsamsten, vornehmsten,
diskretesten, aller Künste! Ich weiß wohl, es ist ein Vergnügen, in ungezügeltem
Plauderton über fremde Torheit herzufallen, in suveräner Kritik an allem
Menschen- und Affenwerk kein gutes Haar zu lassen - es ist sogar ein lukratives
Vergnügen, wenn man wie unsere Landtagsschwätzer und Kritikschmierer noch dafür
bezahlt wird ... Ach, dem heimatfernen Einsiedler kann man's eigentlich nicht
verdenken, wenn ihm das Herz mit der Zunge und der Feder durchgeht ...
Einsiedler? Was? Mit einem Frauenzimmer? Auch du, Brutus? Mein keuscher Joseph?
Nun wird auch dir mit deiner Gottähnlichkeit bald bange werden! So spottet der
Stärkste seiner selbst und weiß nicht wie ... Wie ein Simson will er die Welt
der Kunst aus den Angeln heben - und liegt einer Delila im Schoße und merkt's
nicht, wie sie sacht die Schere erhebt und seine Locken bedroht und mit seinen
Locken seine Kraft vernichtet ... O komm' nur und sieh, wie die Natur selbst die
Könige vernichtet, du König aus eigener Kraft, du Suverän von Talentes Gnaden!«
    Und immer wieder drängte sich das Bild des unglücklichen Fürsten in seine
Gedanken. Er vermochte nicht, den pompeijanischen Brief des Freundes heute zu
Ende zu lesen.
    »Ein Wahnsinnswind geht durch die Welt und bläst mit seinem Giftauch die
besten Köpfe an ... Lauter Hysteriker
